»Die Scham ist vorbei.«

Weil es mir so viel gegeben hat, will ich dieses Zitat mit euch teilen:

Wirst du nun glücklich davon, von dem Feminismus, fragt jemand.
Naja, nein, manchmal, sage ich zögernd. Glücklich? Einfacher ist es sicher nicht. Wir überfordern uns regelmäßig durch unsere eigenen Ideale, bringen noch so wenig davon zustande. Sisterhood is powerful – it can kill you. Und doch können wir nur weiter vorwärts, wir können nicht mehr zurück. Auch die Abtrünnigen, die die Ideale nicht leben können, machen weiter. Auch ich mache weiter, wenn ich mich einige Zeit zurückgezogen habe, um mich zu erholen. Laßt uns Geduld miteinander haben und uns ehrlich die Dinge eingestehen, die wir noch nicht können. Aber wir sollten uns nicht schämen. Sentimental, sage ich, während ich meinen Kritikern in die Augen schaue, sicherlich, ich bin sentimental, ich weine bei Filmen. Ich verstecke meine Verletzbarkeit manchmal hinter einer dünnen Schicht Zynismus.
Überempfindlich, zu emotional, vielleicht sogar paranoid. Ich sehe, wie in grellem Scheinwerferlicht, zehnfach vergrößert, die täglichen Details meiner Unterdrückung, die täglichen Details des Schmerzes anderer Frauen. Ich habe keine Abwehr mehr dagegen, keine Scheuklappen, ich sitze mittendrin wie ein Muscheltier ohne Schale.
Selbstmitleid? Sicher. Ich kann in Selbstmitleid schwimmen, ich kann mich darin wie ein Schwein im Schlamm suhlen.
Nachtragend. Auch das.
Aber keine Scham. Die Scham ist vorbei.

Geschrieben hat es Anja Meulenbelt und zwar schon im Jahr 1976. (Ihr findet es in ihrem autobiographischen Werk »Die Scham ist vorbei. Eine persönliche Erzählung.« auf Seite 20.) Ich finde mich fast 40 Jahre später noch in jedem ihrer Worte wieder.

Gegen das Verstummen.

Über Klassismus kann ich bis heute kaum reden und es hat lange gedauert, bis ich mich überwinden konnte, darüber zu schreiben. In den letzten Tagen habe ich drei unglaublich gute, wichtige, empowernde Texte zu eigener Betroffenheit und dem Fehlen von Schutzräumen und Verbündeten gelesen. In dem letztverlinkten hat mich ein Absatz zum Weinen gebracht, etwas, was ich mir im Bezug auf dieses Thema erst viel zu selten gestattet habe. Weil ich mir das Thema selbst bisher noch viel zu selten gestattet habe. Und zwar genau aus diesem Grund:

Ich spüre, ich kann diesen Artikel eigentlich garnicht schreiben, weil es wehtut, und es so schwer ist, laut zu werden ohne biografisch zu sein und wie schwer es ist, biografisch zu sein und mir dabei nicht selbst weh zu tun.

Mir selbst weh tun. Und mich verletzbar machen. Ich bin vor ein paar Wochen das erste Mal bei einem Klassismus-Workshop gewesen und habe danach einen Text angefangen, den ich bisher weder zuende schreiben, noch veröffentlichen konnte. Weil ich in all diesen Jahren genauso zum Verstummen gebracht worden bin wie ihr. Aber ich will nicht mehr still in mich hinein leiden und meine Betroffenheit verstecken müssen. Ich habe es satt (Redewendung). Genau wie ihr, die ihr diese tollen Blogbeiträge geschrieben habt. Und mir zum ersten Mal das Gefühl gebt, dass es Menschen gibt, mit denen es ein „Wir“ geben könnte. Und zwar auch dann noch, wenn ich offenlege, wer ich bin und woher ich komme. Dass das ewige Verstecken vielleicht irgendwann ein Ende haben kann, haben könnte. Ich bin euch unsagbar dankbar dafür. Und hier ist der Text, den ich unmittelbar nach dem Workshop-Besuch geschrieben habe: (mehr…)

Solidarität und Unterstützung – auch für “unperfekte Opfer”.

Triggerwarnung: Victim Blaiming (Schuldumkehrung), Gewalt gegen Frauen*, Gewalt innerhalb von (heterosexuellen) Paarbeziehungen.

Vorweg: Dieser Beitrag basiert auf eigenen Erfahrungen und Wissensstände. Ich will mir keinesfalls anmaßen, für alle zu sprechen – nur die Betroffenen selbst können entscheiden, was für sie in der jeweiligen Situation das Beste ist.

Vor einer halben Ewigkeit habe ich einen sehr wichtigen Blogbeitrag gelesen, der einiges in mir angestoßen hat. In dem konkreten Beitrag ging es um das Beispiel der Prostitution. Darum, dass Gewalt gegen Personen, die in diesem Bereich tätig sind, oftmals sehr unterschiedlich bewertet wird. Je nachdem, wie „selbstverschuldet“ sie sich in diese Lage gebracht zu haben scheinen. Sind sie Opfer von Menschenhandel geworden, gelten sie als „unschuldig“ und Hilfe ihnen gegenüber als moralische Pflicht. Haben sie sich jedoch scheinbar „freiwillig“ für die Sexarbeit entschieden (so freiwillig, wie Lohnarbeit eben sein kann), gilt ihr Lage als „selbst-“ oder zumindest „mitverschuldet“. Die Allgemeinheit fühlt sich in diesem Fall weniger dazu verpflichtet, den Schutz der Menschenrechte dieser Betroffenen durchzusetzen. Dies ist jedoch keineswegs der einzige Fall, in dem das künstlich erschaffene Bild des „perfekten/ verdienenden“ Opfers all jenen schadet, die ihm nicht entsprechen.

Ähnliches gilt auch für Personen, die sich entscheiden (vorerst) in Gewaltbeziehungen zu bleiben. Zu dem Zeitpunkt, an dem die Gewalt öffentlich gemacht wird, schlagen sich viele auf die Seite der Betroffenen. Sie versuchen, ihnen zu helfen. Vielleicht sogar sie zu „retten“. Nehmen die Betroffenen die Hilfe jedoch nicht (dauerhaft) an, macht sich bei den Helfenden zumeist Verständnislosigkeit, oft sogar Wut breit. Diese gilt ab einem gewissen Zeitpunkt häufig nicht mehr (nur) dem*der Täter*in, sondern immer stärker auch den Betroffenen. „Langsam kann ich ihr auch nicht mehr helfen“, oder: „Irgendwann ist sie auch selber Schuld“ sind Sätze, die in diesem Zusammenhang viel zu oft fallen. (mehr…)

Über Geld reden.

Über Geld redet mensch nicht – das ist eine Aussage, die eine*r sich erstmal leisten können muss. Über Geld nicht reden zu müssen, bedeutet genug zu haben, um deinen Freund*innen nicht erklären zu müssen, dass du wieder nicht mit auf die Party/ in den Urlaub/ zum dem Theaterstück gehen kannst, weil du eben kein Geld hast. Es bedeutet, andere nicht danach fragen bzw. darum bitten zu müssen, dir welches zu leihen, weil du sonst nicht weißt, wie du die Tierarztbehandlung für deinen Hund oder die nächste Stromrechnung bezahlen sollst. Es bedeutet, dass du dich nicht mit anderen (Wahl)Familienmitglieder absprechen musst, bevor du dir den Luxus von Kosmetikprodukten „gönnst“, weil erst mal feststehen muss, dass auch danach noch genug Geld für Grundnahrungsmittel übrig ist. Es bedeutet, den Leuten aus der Universitätsverwaltung nicht erklären zu müssen, dass du den Semesterbeitrag wieder nicht rechtzeitig überweisen konntest, weil du verdammt nochmal nicht wusstest, wo du das Geld hernehmen solltest. Es bedeutet noch viel, viel mehr. Aber das hier sind meine Erfahrungen. Ihr könnt in den Kommentaren gerne ergänzen. (mehr…)

Eintrittskarte zum Elfenbeinturm

Ich habe in den letzten Monate eine sehr merkwürdige Entwicklung durchgemacht. Auf der einen Seite habe ich mich auf einer theoretischen Ebene verstärkt mit Klassismus auseinandergesetzt, auf der anderen Seite gehe ich seit ein paar Wochen wieder zur Uni und erlebe dort tagtäglich Selbstdarstellerei und einen übermäßigen Gebrauch von Fachbegriffen. Das hat mich schon immer irgendwie gestört, aber bisher habe ich den Fehler eher bei mir gesucht; DU weißt noch nicht genug, DU bist nicht klug genug, DU lernst nicht genug für die Uni, DU bist hier vielleicht sogar letzten Endes fehl am Platz (RW: Redewendung). Ich gehe inzwischen seit knapp zwei Jahren wieder zur Uni und habe in dieser Zeit natürlich viel gelernt. Ich weiß, was von mir dort erwartet wird, ich kenne die Umgangsformen und viele der Begriffe. Ich kann mich einigermaßen zurecht finden im Fachjargon, kann auch selbst mit Begriffen und Theorien um mich schmeißen, wenn mir danach ist. Ich habe mich angepasst. Ich bin nicht mehr ganz so sehr draußen, sondern werde immer mehr zur (Mit-)Wissenden. Die Eintrittskarte zum Elfenbeinturm1 liegt in meinen Händen (RW). (mehr…)



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