Sexismus gegen Tierausbeutung?!

Wie ich als Veganerin zu der selbsternannten Tierrechtsorganisation PETA stehe, habe ich vor ein paar Monaten bereits hier im Mädchenblog geschrieben. Seitdem ich die Organisation verfolge (und das tue ich leider notgedrungen, weil von mir als Veganerin bizarrer Weise immer mal wieder erwartet wird, dass ich mich für Kampagnen oder Aktionen von PETA rechtfertige), erscheint mir Sexismus (neben Heteronormativität, Lookismus, Holocaust-Relativierungen und Rassismus) als der roteste Farben, der sich durch die PETA-eigene Öffentlichkeitsarbeit zieht.

Als ich vor ein paar Wochen via consume. be silent. die. auf (ACHTUNG, TRIGGER! Zurschaustellung und Verharmlosung von sexualisierter Gewalt!) diesen Clip gestoßen bin, war ich noch überzeugt davon, dass PETA diesmal nun aber wirklich am absoluten Tiefpunkt angekommen sein muss, was Niveau und Menschlichkeit angeht. Doch gerade eben bin ich über die Stellungnahme zu diesem Video gestolpert und war so entsetzt, dass ich trotz akutem Zeitmangel ein paar Sätze dazu loswerden muss.

Ich weiß gar nicht so richtig, wo ich anfangen soll, weil der mich Text von vorne bis hinten einfach nur sprachlos macht. Ich möchte deshalb auch vorher nochmal eine Warnung aussprechen: Der folgende Text kann (genau wie der Clip) TRIGGERN!

Also, es geht los (die Hervorhebungen stammen von mir):

”Vielen Dank für Ihre Kontaktaufnahme, die das Video „My boyfriend went vegan“ betrifft. PETA hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Aufmerksamkeit der Menschen auf das Leiden der Tiere zu richten, und wir tun dies auf vielfältige Weise, unter anderem durch Öffentlichkeitsarbeit, verdeckte Ermittlungen, provokative Anzeigen und Videos. Wir nutzen alle Möglichkeiten, Millionen von Menschen mit starken Botschaften zu erreichen, und wir nehmen oft einen humorvollen Ansatz zur Aufklärung der Menschen über ernste Themen. Die Menschen zum Lachen zu bringen ist eine großartige Möglichkeit, sie zu öffnen, um sie an weitere, weitaus schlimmere Informationen heranzuführen. Die Situation für Milliarden von Tieren ist unglaublich schrecklich. Sie leiden jeden Tag in der Intensivtierhaltung und in Schlachthöfen. Unser Ziel ist es, die Öffentlichkeit zu informieren und zu sensibilisieren. Manchmal erfordert dies die Demonstrationen mit nackten Körpern oder andere Kampagnen, die manche Menschen als empörend empfinden. Wir begrüßen die Diskussion über – und auch Kritik an unseren-– Anzeigen und Kampagnen, weil wir wissen, dass es der erste Schritt zu mehr Sensibilisierung ist und die Leute darüber reden.

Das neue PETA-Video deckt ein wohl gehütetes Geheimnis veganer Männer auf: Nach der Umstellung auf die pflanzenbasierte Ernährung berichten viele Männer über mehr Energie und Ausdauer im Schlafzimmer. Das ist zurückzuführen auf weniger gesättigte Fettsäuren und kein Cholesterin in der Nahrung, die ihre Arterien blockieren würden. Vegan zu leben bedeutet, dass das Blut frei fließen kann, und zwar in alle Organe.

Es gibt eine Vielzahl junger Männer, die vegan werden, und PETA wollte den Valentinstag nutzen, um junge Frauen dazu aufzufordern, auf sich zu achten! Die erhöhte sexuelle Ausdauer ihres Liebsten kann einige unerwartete Nebenwirkungen für den Partner aufweisen, der noch nicht den ganzen Weg hin zur veganen Ernährung beschritten hat. Die beste Lösung wäre, sich selbst auch vegan zu ernähren, um für sich selbst und den Partner eine bessere Gesundheit und Ausdauer zu erreichen.

Die Menschen können im Spot sehen, dass die Frau immer noch lächelt bei dem Gedanken an das Toben mit ihrem Freund. Sie hatten unglaublichen Sex! Sie genoss seine Energie sehr und ging los, um ihm noch mehr Gemüse zu kaufen. Es ist ein humorvoller Spot für Männer und Frauen.

Wir haben festgestellt, was auch Ihre Nachricht bestätigt, dass Menschen solchen kontrovers diskutierten Aktionen mehr Aufmerksamkeit schenken. Schaut man sich die Anzahl von Menschen an, die dieses Video sehen und darüber nachdenken, zeigt sich schnell, dass diese Taktik funktioniert und mehr Menschen als je zuvor dazulernen und beginnen, sich für eine vegane Lebensweise zu interessieren. Werbung, Plakate, Printanzeigen, TV- und Radio-Sendezeit kosten Millionen Euro, doch durch die kreative Arbeit von PETA soll der Tierrechtsgedanke in die Öffentlichkeit gebracht werden. Mit unserer Website und diversen Videos erreichen wir viele Menschen, ohne dass wir Unmengen an Geld für traditionelle Werbezwecke ausgeben.

Nochmals vielen Dank für das Schreiben und dass Sie uns Ihre Meinung mitgeteilt haben.”

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Fassen wir also mal zusammen:

1) Die Darstellung von sexualisierter Gewalt ist laut PETA „humorvoll“ und bringt „die Menschen zum Lachen“.

2) Die Aufforderung, vegan zu werden und anderen Menschen Gewalt anzutun, bezeichnet PETA als „starke Botschaft“.

3) Die Tatsache, dass Tiere in unserer Gesellschaft in Massen ausgebeutet und ermordet werden, ist für die Leute von PETA eine „weitaus schlimmere Information“ als die Tatsache, dass auch tagtäglich zahlreiche Frauen* von Gewalt und Diskriminierung betroffen sind.

4) Die in dem Video gezeigte Frau ist nach der Auffassung von PETA selber Schuld an ihren Verletzungen – wäre sie ebenfalls vegan, hätte sie mit ihrem Freund mithalten können.

5) PETA ist sich zwar bewusst, dass ihr Clip sexistisch und gewaltverherrlichend ist, nimmt dies aber („Für die Rechte der Tiere!“) in Kauf.

Nachdem der erste Schock verdaut ist, muss ich leider sagen: Im Grunde ist der Clip und auch die dazugehörige Stellungnahme nur eine logische Weiterentwicklung der Werbestrategien, die PETA seit Jahren fährt. Zum einen wäre das der inszenierte Schock – die Leute sollen sich natürlich schon ein bisschen empören (PETA will ja schließlich im Gespräch bleiben), aber es soll sich doch um Himmels Willen bloß kein Mitglied der Mehrheitsgesellschaft ernsthaft auf die Füße getreten fühlen. Rebell*innen bleiben in der Regel sympathisch, solange sie keine wirkliche Bedrohung für die herrschenden Verhältnisse darstellen. Der Werbespot für den Super-Bowl wird zwar nie ausgestrahlt, dafür aber tausendfach auf youtube angeklickt und die Holocaust-auf-deinem-Teller-Kampagne wurde zwar vielfach kritisiert, aber auch immer wieder in Schutz genommen. „Irgendwie ist da ja auch was dran“ und „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen“ sind genau die Reaktionen, welche die PETA-Kampagnen provozieren. Aus Unterdrückenden werden somit Unterdrückte – und genau das ist ein zentraler Aspekt für die Anziehungskraft von PETA und der Antispe-Szene im Allgemeinen. Annie_Slut, eine Userin aus dem ehemaligen riot-grrrl.de-Forum, hat genau diese Problematik vor einigen Jahren schonmal ziemlich lückenlos auf den Punkt gebracht:

Meine These ist, dass diese Szene dominiert ist von recht durchweg privilegierten Individuen (Männlich, weiß, hetero, cis, Mittelschicht, able-bodied usw. und in Bezug auf Männlichkeit unbedingt zahlenmäßig, aber diskursiv).
Nun, wenn der Weg nicht Selbstreflexion und Selbsthinterfragung ist und die Auseinandersetzung damit, nicht „auf der Seite der Guten“ (also der Unterdrückten, die um ihre Befreiung kämpfen) zu stehen, wogegen können diese Menschen rebellieren? Welchen Kampf können sie führen, wo sie sich nicht selber hinterfragen müssen, wo sie nicht kritisch gesehen werden können von denen, für die zu kämpfen sie sich auf die Fahnen schreiben? Tierbefreiung!
Tiere sprechen nicht für sich selbst, daher kann für sie gesprochen werden, ohne kritischen Widerspruch und Einforderungen der Reflexion der eigenen Dominanzposition. Die Schuldgefühle aus der eigenen Beteiligung an Herrschaft aus dominanter Position und aus deren Verdrängung lassen sich hervorragend durch eine Selbstdarstellung als Held(_in) kompensieren und verstecken.

Der heldenhafte Kampf für die Schwachen, die nicht selber kämpfen können, wird in diesem Zuge auch als der moralisch hochwertigste verstanden. (Scheinbare) Selbstlosigkeit im Gegensatz zu dem „egoisitschen“ Bestreben, gegen die eigene Diskriminierung zu kämpfen und sich mit seinen eigenen Belangen zu beschäftigen. Aus „wir sind so sehr durchweg privilegiert, dass wir nicht als Unterdrückte kämpfen können und gegen unsere Dominanz wollen wir nichts machen“ wird „Wir sind Helden und kämpfen für die Unterdrückten, und die Leute, die gegen ihre eigene Diskriminierung kämpfen (sprich: die wir diskriminieren), sind dagegen egoistisch“.
So lassen sich andere Kämpfe, durch die die Held_innen der Tierbefreiungs-bewegung selber kritisiert würden, abwerten und ignorieren und das Selbst als tadelloser Gutmensch kann unberührt bleiben.
Zu diesem Zweck muss auch eine Unterdrückungshierarchie (aufgestellt von den Privilegiertesten…) aufgemacht werden, in der die Tiere die Unterdrückstesten sind.
Aus deren Unterdrückung sind die Held_innen ja durch Veganismus ausgestiegen und nur die anderen sind schlecht.
Alle anderen Gewaltstrukturen, in denen frau_man selber dominant positioniert ist und handelt, müssen banalisiert werden, damit die Diskriminierungen, die frau_man selber ausübt, viel weniger schlimm erscheint als diejenige, deren Bekämpfung frau_man sich verschrieben hat. Um am Ende als Gutmensch vor allen anderen Menschen dazustehen (und das Bedürfnis genau danach, ist, wie gesagt, meiner Meinung nach gespeist aus sowas wie ’nem unterschwelligen schlechten Gewissen über die eigenen Dominanzen, welches aber nicht durch Auseinandersetzung mit selbigen bekämpft werden soll).

PETA verbündet sich mit den privilegiertesten Mitgliedern dieser Gesellschaft und verschafft Unterdrückungsverhältnissen ein scheinbar sauberes Image. Ihre Kampagnen arbeiten mit ähnlichen Mechanismen, wie die Werbespots großer Firmen, kombiniert mit den Versprechungen bekannter Hilforganisationen. Sie verkaufen gute Gewissen, begehrte Körper, erfüllende Beziehungen, tollen Sex, ein neues, besseres Leben – kurzum: Illusionen. Veganismus wird in diesem Prozess zum Produkt und PETA zur gewissenlosen Vermarkterin. Statt Sand ist diese Organisation Öl im Getriebe eines System, in dessen Kontext das Mensch-Tier-Ausbeutungsverhältnis – neben vielen, vielen anderen – überhaupt erst entsteht.

  1. (Von dem Blog, auf dem die Stellungnahme veröffentlich worden ist, distanziere ich mich aufgrund der folgenden Zeilen übrigens ausdrücklich: „Zumal es an Alternativen nicht mangelt. Wie Sie selber sicherlich besser wissen als ich, hat beispielsweise auch ihre provokante und streitbare Holocaust-Kampagne ein enormes Maß an Aufmerksamkeit erzielt.“ Wie kann eine Person, die sich dafür ausspricht, den Kampf für die Rechte der Einen (Tiere) nicht auf den Rücken der Anderen (Frauen*) auszutragen, stattdessen denn bitte die Rücken einer dritten Minorität dafür vorschlagen?…) [zurück]

2 Antworten auf „Sexismus gegen Tierausbeutung?!“


  1. 1 Kopfkompass 03. März 2012 um 21:19 Uhr

    Hallo Viruletta, hier schreibt Kopfkompass, die Person, die die PeTA-Stellungnahme in seinem Blog veröffentlicht hat. Ich möchte gern auf deine Frage reagieren, wie ich einerseits PeTAs Sexismus kritisieren kann, andererseits aber die „Der Holocaust auf deinem Teller“-Kampagne offenbar okay finde.
    Ich möchte das gern erklären. Als ich die E-Mails an PeTA geschrieben habe, war mir noch nicht klar, dass ich sie später veröffentlichen würde. Deswegen war ich nicht so gründlich, wie ich es in meinem Blog normalerweise zu sein versuche. Es schien mir aber wenig redlich, die Mails nachträglich zu frisieren oder zu kürzen, daher stehen die Zeilen nun so da, wie ich sie in meiner Rage schrieb.
    Wir brauchen überhaupt nicht zu darüber zu diskutieren, dass die von heute aus als „Holocaust“ bezeichneten unvorstellbaren, unmenschlichen Grausamkeiten unerträglich verharmlost werden, sobald man mit sie mit irgendetwas zu vergleichen, zu erklären oder gar zu rechtfertigen versucht. Wie 2009 ja auch das Bundesverfassungsgericht entschieden hat, war es absolut inakzeptabel von PeTA, Fotos von gefolterten, ermordeten Häftlingen aus Konzentrationslagern Bildern aus Massenställen und Schlachthöfen gegenüberzustellen. Ich fand die Entscheidung richtig, weil eine Instrumentalisierung des Holocausts für mich wie gesagt immer auch eine Verharmlosung ist.
    Wahr ist aber auch, dass es ein Motiv eben dieser Kampagne war, das mein Leben nachhaltig verändert hat. Das Bild zeigte einen leeren Teller und unbenutztes Besteck auf einem Tisch. Darunter stand: „Auf deinem Teller ist jeden Tag Holocaust.“ Zuerst war ich maßlos schockiert und wütend über diesen Slogan. Als ich ihn aber (gerade deshalb) nicht mehr aus meinem Kopf bekam, habe ich intensiv darüber nachgedacht und mit Freunden darüber gesprochen. Mich führte dieser – deshalb nicht weniger empörende Slogan – zu den Kernfragen der Tierrechtsbewegung, mit der ich mich bis dato nicht auseinandergesetzt hatte. Dürfen wir Tiere so behandeln, wie wir sie behandeln? Und wäre es okay, selbst so behandelt zu werden, wenn es eine Spezies auf diesem Planeten gäbe, der wir schmecken würden, und die das Zeug dazu hätte, uns zu unterjochen? Von hier aus weitergedacht landet man schließlich bei: Ist ein Menschenleben per se wertvoller als das Leben eines Tieres? Manch hartgesottener Tierrechtler traut sich zu, diese Frage zu beantworten. Ich tue es nicht. Auch nicht mit ja. Ich finde es eine gute Frage. Sie zweifelt an der Naturgegebenheit der Überlegenheit, die der Mensch gegenüber allen anderen Spezies empfindet und ausübt. Sie erhebt sich über den Speziesismus als Ganzes.
    So bin ich dankbar, die Gedanken gedacht zu haben, die die Kampagne letzten Endes in mir ausgelöst hat. Und genau diese Gedanken waren ihr Ziel. Das macht sie kein bisschen weniger problematisch, aber ein kleines bisschen nachvollziehbarer für mich.

  2. 2 viruletta 27. März 2012 um 9:21 Uhr

    Hallo Kopfkompass, gerne will ich dir erklären, warum die „Holocaust auf deinem Teller“-Kampagne für mich auch trotz deiner Ausführungen weiterhin ein absolutes No-Go darstellt.

    Mir geht es in diesem Fall nämlich gar nicht in erster Linie um die wie auch immer geartete Wertigkeit von Leben, sondern um die Verharmlosung von den Ursachen, die zum größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte geführt haben. Hinter dem Holocaust stand eine Ideologie, die jüdische Menschen auf den Status von „lebensunwerten Leben“ herabgesetzt hat, der Hintergrund der Massentierhaltung hingegen ist ein kapitalistisches System, in dem nichtmenschliche Tiere als Ressource wahrgenommen werden, über die beliebig verfügt werden kann. Tiere werden nicht ermordet, weil Menschen ein Interesse daran haben sie zu foltern, zu töten und ihre Gattung zu vernichten – ganz im Gegenteil. Da werden regelmäßig Karten mit Schweinen drauf als Glücksbringer*in verschenkt und parallel werden Fleischwurstbrötchen verzehrt – das menschliche Verhältnis gegenüber nichtmenschlichen Tieren ist zutiefst paradox. Das Verhalten gegenüber jüdischen Personen im Nationalsozialismus hingegen war sehr eindeutig und zwar von Hass, Entwertung und Vernichtungsfantasien geprägt.

    Und was die möglichen positiven Auswirkungen dieser Kampagne angeht (also Menschen, die dadurch erstmalig über Vegetarismus/ Veganismus nachgedacht haben); die hast du doch bei den anderen Kampagnen auch. Der Punkt ist ja eben, dass der Zweck nicht die Mittel heiligt! Selbst wenn das oben zitierte Video Menschen vom Veganismus überzeugen konnte ist es deshalb noch lange nicht legitim, da sind wir uns doch einig, oder? Und genau dasselbe gilt für die „Holocaust auf deinem Teller“-Kampagne.

    (Mal ganz davon abgesehen, dass ich es besonders in Deutschland für sehr fatal halten, den Holocaust auf eine solche Art und Weise zu relativieren – Deutschland ist seit Jahren darum bemüht, sich das geschichtliche Gewissen reinzuwaschen und Kampagnen wie diese spielen diesen Bemühungen prima in die Hände…)

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