Deine Privilegien, deine Verantwortung.

In der letzten Zeit habe ich eine Menge toller Blogbeiträge gelesen, die mir gerade allesamt aus der Seele sprechen und die Gründe für meine aktuelle Politikverdrossenheit wunderbar in Worte fassen. Da wäre zum Beispiel Helga von der Mädchenmannschaft, die davon schreibt, dass sie keine Lust mehr hat, für Selbstverständlichkeiten zu applaudieren; oder Steve, der in einem Gastbeitrag für das goodmenproject erklärt, warum er aus der Position eines Schwarzen nicht mehr über race sprechen wird; außerdem anarchie & lihbe, die keine Lust auf Whiteboys hat, die bei Frauen*/ Feministinnen Zuflucht vor dem bösen Patriarchat suchen; weiter eine Gruppe von People of Color, die via der braune Mob e.V. einen offenen Brief an das Dresden Nazifrei-Bündnis veröffentlicht hat; Nadine von der Mädchenmannschaft, die erklärt, warum nur bestimmte Menschen über sexistische Witze lachen können; und nicht zuletzt Sookee, die in dem tollen Lied „Einige meiner besten Freunde sind Männer“ das Ausleben von männlichen Privilegien innerhalb der sogenannten linken Szene thematisiert. Danke, danke, danke. Ohne Beiträge wie die euren wären viele Tage noch um einiges grauer.

Alle diese Beiträge haben etwas gemeinsam: sie sind aus der Position von gesellschaftlichen Minderheiten geschrieben. Von Personen, die es satt haben, in einer oder sogar mehreren Bewegungen aktiv zu sein, die sich selbst als emanzipatorisch begreifen, aber die eigenen Privilegien und die eigene Sprecher*innenposition viel zu oft nicht mal ansatzweise reflektieren. Ich teile diese Position und auch diese Erfahrungen. Und ich habe es ebenfalls satt – bin müde, abgekämpft und desillusioniert nach Jahren politischer Arbeit innerhalb der sogenannten autonomen Linken. Seit Jahren investiere ich mehr Kraft und Ressourcen innerhalb von Gruppen als in das, was nach außen getragen werden sollte, meine eigentliche Motivation für das jeweilige Engagement dargestellt hat. Ich kann nicht mehr zählen, wie oft ich die immer gleichen Debatten geführt habe und nicht mehr zählen, wie oft ich mit meiner Position (als Frau* in einer zumeist männlich dominierten Gruppe) allein dastand. Ich bin es leid, dass nicht mal explizit feministische Veranstaltungen Freiräume vor Sexismen bieten können, sofern sie nicht als tlf*1 markiert sind. Ich habe keine Lust mehr auf Anspruchshaltungen, die suggerieren, dass ich als Betroffene von Sexismus in der Verantwortung bin, diesen aufzudecken. Und ich kann nur zu gut nachvollziehen, dass PoC genauso wenig Lust darauf haben, ein ums andere mal zu erklären, warum Rassismus kein NPD-internes Problem darstellt. Wir (damit meine ich in diesem Fall als Angehörige einer Minderheit identifizierte Personen) sind keine wandelnden Litfaßsäulen zum Thema beliebiger Unterdrückungsmechanismen und ebenso wenig Ratgeber*innen, die den Privilegiertesten unter uns Schritt-für-Schritt-Pläne zu einem besseren Leben im Falschen servieren werden/ wollen/ können. Eure Privilegien sind eure Probleme – wir sind nur die Leidtragenden, die sie ausbaden müssen. Es ist ein Resultat eurer Privilegien, dass euch die meisten alltäglichen -ismen gar nicht erst bewusst werden. Ihr könnt sie ausblenden – wir nicht. Ich kann mich nicht entscheiden, an einem schlechten Tag vor die Tür zu gehen und den – in meinem Fall – sexistischen Normalzustand einfach mal auszublenden. Ich kann mir keine Auszeit nehmen, keinen „Politik-Freitag“, wie es manche selbsternannte Linke gerne nennen. Genau deshalb kann ich auch nicht über Witze lachen, die meine alltägliche Lebensrealität scheinbar parodieren (und in den meisten Fällen einfach nur abbilden). Aus eben diesem Grund bin ich ein ums andere mal die „Spielverderberin“ – anstatt mich aber als solche abzuqualifizieren, solltet ihr euch vielleicht mal Fragen, wessen Spiel hier überhaupt gespielt wird, wer die Regeln macht und weshalb ich keine Lust mehr habe mitzuspielen.

Die perfide Botschaft hinter Aussagen wie “Du hast den Witz nicht verstanden”2 ist: Ich nehme deine Kritik nicht zur Kenntnis (weil ich’s kann/weil ich nicht muss) und unterstelle dir, dass du eine Perspektive auf den Gegenstand legst, die nicht der objektiven/neutralen/realitätsnahen entspricht. Der Zynismus hinter der Aussage könnte deutlicher nicht sein, denn Betroffene von Sexismus und anderen -Ismen sind in einer Welt sozialisiert worden, die ihnen täglich zu verstehen gibt, dass Unterdrückung Normalität ist und daher Witze darüber oder über bestimmte Gruppen völlig akzeptiert sind. Sie haben gelernt ihre Umwelt immer durch zwei Brillen zu sehen: die eigene und die der Mehrheitsgesellschaft. Sie haben gelernt, dass die “Default-Brille” die der Mehrheitsgesellschaft ist.

(Nadine, Mädchenmannschaft)

Über einen derartigen „Witz“ lachen zu können, zeugt meistens in erster Linie davon, wie wenig diejenige Person selbst von dem vermeintlich parodierten Unterdrückungsverhältnis betroffen ist. Genau diesen Punkt greift auch der beim braunen Mob veröffentlichte Brief auf:

Was fällt euch ein, auf einer Demonstration sexistische Lieder wie “Mambo Number Five” und “Barbie Girl” zu spielen? Mit dieser Anbiederung an den sexistischen und rassistischen Mainstream verharmlost ihr den Grund, weshalb überhaupt demonstriert wird. Eure Demonstration wurde dadurch zur Party, Antirassismus und Antifaschismus zum Film, den sich weiße Deutsche für ein paar Stunden in Dresden ansehen und dann wieder nach Hause fahren können. Und im schlimmsten Fall geben sie sich dafür noch einen Cookie.(…)

Eine Awareness für die Themen (Hetero-)Sexismus und Rassismus in euren Strukturen3 – egal in welchen Teilen des fragmentierten Bündnisses – bleibt dringend nötig! Rassismus bekämpfen bedeutet nämlich in erster Linie bei sich selbst anzufangen, demzufolge sollten sich alle erst einmal mit ihrer Whiteness und den daraus folgenden Privilegien auseinandersetzen und eine solche Auseinandersetzung auch in die Bündnisse tragen.
Wenn ihr tatsächlich wollt, dass es eine antifaschistische Bewegung gibt, dann müsst ihr anfangen nachzudenken was euer eigener Anteil an dem seltsamen Fakt, dass bei diesen Aktionen wenig Frauen und noch viel weniger Women of Color und People* of Color zu treffen sind!
Und für den Fall, dass sich gerade eine Gegenwehr bei euch regt von wegen die kommen ja nicht; das ist nicht die Aufgabe von Menschen mit Rassismuserfahrungen, sondern es ist die Verantwortung weißer (männlicher) Aktivist_innen die eigene Kompliz_innenschaft zu reflektieren und daraus handlungswirksame Konsequenzen zu ziehen.

Hier wird ein in meinen Augen extrem wichtiger und in den meisten Fällen absolut vernachlässigter Punkt angesprochen: warum sitzen in den meisten Politgruppen die selben Mehrheitsangehörigenen, die auch außerhalb der Szene den Ton angeben – und warum wird genau dieser Zustand so gut wie nie thematisiert? Wieso wird politische Arbeit so schnell zu Stellvertreter*innenpolitik und warum ist es den meisten anscheinend gar kein wirkliches Bedürfnis, auch mal mit Betroffenen von Diskriminierungen zu sprechen, anstatt immer nur über sie?

Mischt sich doch mal ein*e Minderheitenangehörige*r in die Gruppe/ unter die Demo, wird sie*er meist zugleich zum Aushängeschild des Anti-(beliebigen Unterdrückungsmechanismus einsetzen) der Gruppe instrumentalisiert und zur*zum Delegierten für das jeweilige Thema bestimmt. Dass die entsprechende Diskriminierung sich in diesen Fällen gleich doppelt manifestiert, die Person nämlich nicht in ihrer Individualität, sondern vordergründig im Bezug auf ihre (zugewiesene) Gruppenzugehörigkeit wahrgenommen wird, wird ausgeblendet/ gar nicht erst wahrgenommen. Genau deshalb hat Steve es auch abgelehnt, für das goodmenproject über seine Rassismuserfahrungen zu schreiben:

Tom, I have never, not once, thought of you as white. I think of you as a father, a husband, a brilliant businessman, a feminist, a Quaker, and most of all as a friend. You have never treated me as whiteness demands that you treat me. I don’t want to talk about race because if I do, I stop being an artist, an educator, a godfather, a gay man, and most of all, human.

So I appreciate the offer, Tom, I really do. I just don’t think I can write about it. I can write about art if you like. I know a lot about that.

Stattdessen macht er einen anderen Lösungsvorschlag:

Black people can’t talk to white people about race anymore. There’s really nothing left to say. There are libraries full of books, interviews, essays, lectures, and symposia. If people want to learn about their own country and its history, it is not incumbent on black people to talk to them about it. It is not our responsibility to educate them about it.

Eigentlich wäre das bereits ein prima Schlusswort. Ich will aber noch auf das von anarchie & lihbe beschriebene Phänomen eingehen – also Mehrheitsangehörige, die plötzlich bemerkt haben, dass sie ja auch von einem beliebigen Ismus betroffen sind und diesen deshalb von nun an ganz furchtbar finden und gemeinsam bekämpfen wollen.

Jetzt kommt ihr, frisch aus der Badewanne des Patriarchats, gecremt und gepudert, und wollt auch endlich mal traurig sein dürfen.

Das ist toll. Alle sollen so viel fühlen, wie sie nur können.
Aber.
Ist euch aufgefallen, dass ihr die einzigen seid, die ihre großen und kleinen Traurigkeiten ungefiltert und unendlich oft in die Feministeria ballern? Wieso seid ihr der Ansicht, einen Raum wie den queer/feministischen Netzkosmos mit euren Whiteboyproblems beschäftigen zu müssen? Habt ihr mal darüber nachgedacht, dass ihr mit euren vielen Tränen Ressourcen fresst, die andere sowieso schon weniger zur Verfügung haben als ihr, weil sie nicht mit dem goldenen Panzer des weißen Dudes gerüstet sind? Wieso paradiert ihr euer Privileg in unsere Gesichter? (…)

Wie ihr diese Widersprüche löst, ist nicht mein Problem. Es ist eure Pflicht, um mal einen eher archaischen Begriff zu benutzen.
Findet Lösungen, die euch und uns erlauben, weichherzige, gefühlvolle Menschen zu sein. Überlegt euch, wie ihr feministische Männer* sein könnt, ohne die Feminist_innen mit eurem Mannsein zu belasten.
Das ist das mindeste, was ihr tun könnt, wenn ihr von mir weiter als feministische Verbündete gesehen werden wollt.

Dem schließe ich mich an und füge ergänzend noch die Kopie einer Liste von Dingen an, die unterprivilegierte Personen privilegierten Personen garantiert nicht schulden:

* “politeness” – not when your views are a direct assault on their humanity – and if you don’t understand why they are, too bad – that’s your issue to figure out
* an explanation for why they are offended
* their time
* the time of day
* open dialogue on the issue – there’s a ton of books for that— or you can go find someone and, instead of having this compelling need to talk about how you feel, simply LISTEN
* preservation of your feelings
* a handshake or a hug
* their bodies, their hair, their clothes, their culture
* their name
* a simple label to define themselves
* information on where they are from or how their family got here
* any personal information at all
* a seat on the bus
* a decent tip
* free use of the slurs which have historically been used against them
* some kind of ridiculous statement in which they speak for everyone else who is also in that group
* they don’t owe you anything, actually

Abschließend möchte ich noch eine paar Konsequenzen mit euch teilen, die ich für mich selbst aus diesen Überlegungen gezogen habe:

- ich werde nicht mehr in Gruppen mitarbeiten, die zu überwiegenden Teilen aus weißen Männern* bestehen oder in denen ausschließlich weiße Männer* die wichtigsten Aufgaben übernehmen.
- ich diskutiere nicht mehr aus einem falschen Pflichtbewusstsein heraus, wenn ich gerade eigentlich nicht die Lust/ Kraft dazu habe oder damit rechne, auf wenig fruchtbaren Boden zu stoßen.
- ich erwarte in Zukunft von Menschen, die sich selbst als emanzipatorisch begreifen, nicht immer wieder bei Null anfangen zu müssen.
- ich fordere eine Mindestmaß an Respekt und Rücksichtnahme (zB im Bezug auf Redeverhalten) als Grundvoraussetzung dafür, mich überhaupt mit Menschen auseinandersetzen.
- ich werde mich weiterhin darum bemühen, eigene Privilegien zu erkennen und abzubauen.
- ich werde nie wieder dankbar dafür sein, dass eine andere Person mich als gleichwertig behandelt und (zumindest für diesen Moment und in meiner Gegenwart) auf das Ausspielen der eigenen Privilegien verzichtet – und eben jenes selbstverständlich auch niemals von anderen erwarten.
- ich werde solidarisch (im Bezug auf Unterprivilegierte) und gleichzeitig unbequem (im Bezug auf Privilegierte) bleiben.

  1. Trans-Lesben-Frauen* – siehe zB hier: http://www.ladyfest-muelheim.de/info-tlf-raume/ [zurück]
  2. Kann beliebig ergänzt werden durch Äußerungen wie: „Übertreib mal nicht!“, „So war das doch gar nicht gemeint“ oder, was ich besonders schön finde: „Willst du eigentlich überall Sexismen sehen?“ – Anmerkung von mir. [zurück]
  3. und der linken Szene allgemein – Anmerkung von mir. [zurück]

12 Antworten auf „Deine Privilegien, deine Verantwortung.“


  1. 1 herrmann herman 27. März 2012 um 1:02 Uhr

    Toll, dass du die Phänomene zusammenführst! Danke für den Text und fürs verlinken. Ich schließe mich deinen Entschlüssen voll und ganz an.

  2. 2 Rebecca 28. März 2012 um 9:22 Uhr

    Verstehe ich das richtig, dass du nicht möchtest, dass „unbeteiligte“ Mehrheitengruppen für die Minderheiten sprechen, gleichzeitig aber die Minderheiten selbst auch nicht (mehr) über ihre Probleme sprechen (sollten)?

    Wer darf dann überhaupt noch reden?

  3. 3 viruletta 28. März 2012 um 18:58 Uhr

    Nein, so ganz richtig hast du mich nicht verstanden :)

    Minderheiten sollten jederzeit über ihre Erfahrungen sprechen, wenn ihnen danach ist – aber auch nur dann. Worauf ich hinaus will ist, dass sie keine Bringschuld besitzen, keinen Bildungsauftrag – es ist nicht ihre Verantwortung, dafür zu sorgen, dass gegen sie gerichtete Diskriminierungen abgebaut werden. Das ist die Aufgabe der Personen, die diese Diskriminierungen ausüben. Trotzdem wird aber oft genau dieser Anspruch an sie gestellt. Auf einem Ladyfest, das die ersten Tage über für alle Gender offen war und die letzten nur noch für tlf*, hat sich ein männlich sozialisierter Mensch zB darüber pikiert, dass Männer* auf diesem Wege ja niemals erfahren könnten, was sie „falsch machen“. Ihm wurde dann richtigerweise entgegnet, dass er ja eine eigene Veranstaltung organisieren könnte. Und genau das ist ja der Punkt, an dem sich auch anarchie & lihbe so gestoßen hat; von Minderheitsangehörigen wird nicht nur erwartet, dass sie ihre „eigenen“ Probleme bekämpfen, sondern sie sollen sich bitte auch noch Lösungen für die Probleme der Mehrheitsangehörigen einfallen lassen. Wenn dann irgendwann ein bequemer 5-Stufen-Plan erarbeitet sein sollte, wären die Privilegierten ja eventuell mal so großzügig, und würden diesen auch in die Tat umsetzen… Na danke auch.

    Klar gibt es Dinge, die sich Mehrheitsangehörigen nie im direkten Erleben erschließen und wo sie auf Erfahrungsberichte von Minderprivilegierten angewiesen sind. Aber: dieses Wissen ist längst präsent. Es steht in Bibliotheken oder als Download im Netz, es gibt Dokus, Filme, Lieder darüber nur: es wird im Regelfall ignoriert. Denn sich damit auseinanderzusetzen wäre ja anstrengend. Aufwändig. Und sicher auch mal schmerzhaft. Aber genau das ist die Verantwortung jedes Menschen, der einen emanzipatorischen Anspruch an sich selbst stellt.

    Ich habe mich in meinem Beitrag oftmals auf Sexismen bezogen, weil das ein Punkt ist, von dem ich unmittelbar betroffen bin. In den meisten anderen Situationen bin ich aber in der privilegierteren Position und somit in der Verantwortung, mich selbst und mein Handeln kritisch zu hinterfragen. Und das tue ich so gut ich kann. Und ich stoße dabei immer wieder an Grenzen, mache Dinge falsch, sehe dies ein. Ich bin dankbar für jeden Hinweis und sehe mich selbst und mein Leben als Prozess, in dem ich niemals ein Stadium erreichen werden, in dem ich sagen könnte: jetzt habe ich es geschafft. Es ist ein ewiger Lernprozess und es ist anstrengend – aber jedesmal, wenn ich es mir leicht machen würde, hätte es ein andere Mensch dafür doppelt so schwer. Es liegt in meiner Hand und somit auch meiner Verantwortung. Gegen Diskriminierungen anzukämpfen ist schwer – egal von welcher Seite. Wir haben nur den Luxus, dass wir uns für oder gegen das Kämpfen entscheiden können.

  4. 4 Lara-Luisa 31. März 2012 um 12:45 Uhr

    Ich habs nicht so ganz. Einerseits sind wir uns sicher alle einig, dass nur Betroffene auf Grund der Standpunkttheorie wissen können, inwiefern sie betroffen sind. Andere können wegen ihrer Privilegien diese Betroffenheit nicht erkennen. Nun aber schreibst du:

    Eure Privilegien sind eure Probleme

    Wieso sind die Privilegien einer Gruppe deren „Problem“. Was haben z.B. Gesunde für ein Problem damit, gesund zu sein? Oder abled people, damit abled zu sein? Ich dachte bis jetzt immer, es wäre für Kranke ein Problem, krank zu sein oder für disabled people, diabled zu sein.

    Das wiederspricht sich mit dem 2. Teil des Satzes:

    – wir sind nur die Leidtragenden, die sie ausbaden müssen.

    Wenn jemand leidtragend ist, ist das Problem bei ihm angesiedelt, denn Leidtragende tragen das Leid, so wie es dort steht. Nun soll aber das Leid nicht das Problem des Leidttragenden sein, sondern das Problem des Privilegierten. Ich kann im Moment nicht genau formulieren, was genau nun deren Problem ist.

  5. 5 viruletta 01. April 2012 um 10:30 Uhr

    Die Beispiele gesund und abled passen hier nicht richtig, das stimmt, weil sie in vielen Fällen eine tatsächliche Beeinträchtigung für die Betroffenen darstellen. Bei anderen Diskriminierungsformen sind es aber erst die Privilegierteren, die die jeweils entsprechenden Probleme in eine Situation/ Interaktion/ Beziehung/ … einbringen. Ein Mensch ist nicht per se benachteiligt aufgrund einer weiblichen Geschlechtsidentität oder schwarzer Hautfarbe, sondern erst in dem Moment, in dem sie*er aufgrund dessen eine Abwertung erfährt. Es ist ja entgegen der grundlegenden Annahmen dieser Stereotype und damit einhergehenden Diskriminierungen nicht so, dass mit den Betroffenen von Diskriminierungsverhältnissen etwas nicht stimmt, sie irgendwie fehlerhaft wären – das Problem liegt im Gegenteil bei denen, die diese Diskriminierung ausüben. Und nur hier kann angesetzt und können Veränderungen angestrebt werden; eben da, wo das Problem ihren Ursprung hat.

  6. 6 Lara-Luisa 01. April 2012 um 12:19 Uhr

    das Problem liegt im Gegenteil bei denen, die diese Diskriminierung ausüben.

    Das Problem liegt im Verhalten der Privilegierten. Aber die Privilegierten selbst haben mit ihrem Vehalten kein Problem. Hätten sie eines, würden sie ihr Verhalten nämlich ändern. Aber sie bemerken ihr als diskriminierend empfundenes Verhalten oft gar nicht. Also haben doch die Diskriminierten mit dem Verhalten der Privilegierten ein Problem. Oder plakativ gesagt: Der Skalvenhalte hat kein Problem, Sklaven zu halten. Die Slkaven haben das Problem.
    Wenn nun die Privilegierten das Problem der diskriminierten nicht erkennen können, wäre es nicht besonders hilfreich, wenn die sich diskriminiert fühlenden nicht auf das Problem aufmerksam machen, sondern abwarten, bis die Privilegierten von allein drauf kommen. Kommen sie nämlich nicht.

  7. 7 viruletta 02. April 2012 um 10:01 Uhr

    Aber, wie ich weiter oben schon geschrieben habe, machen sie ja auf entsprechende Probleme aufmerksam. Die Kritik wird nur viel zu oft ignoriert, nicht ernst genommen oder angezweifelt, wie sich zB an den Reaktionen auf den von KaRaNo veröffentlichten Brief an das Dresden Nazifrei!-Bündnis sehr gut ablesen lässt. Rummotzen hat ein paar Beispiele dafür veröffentlicht, die genau diese Abwehrreaktion dokumentieren: Klick.

    Und zum anderen richte ich mich ja nicht (oder zumindest nicht in erster Linie) an CDU-wählende, RTL-guckende Patriot*innen, die mit der Gesamtgesellschaft und ihrer Stellung darin im Großen und Ganzen zufrieden sind, sondern an Menschen, die einen emanzipatorischen Anspruch an sich selbst stellen, wovon Selbstreflektion nunmal einen elementaren Bestandteil ausmacht. Und da kann mensch finde ich schon erwarten, dass erkannt wird, dass hier so einiges grundlegend falsch läuft und dass sich gefragt wird, welchen Teil mensch selbst dazu beiträgt. Und wie das geändert werden kann.

  8. 8 Twittermania 02. April 2012 um 10:39 Uhr

    Und zum anderen richte ich mich ja nicht (oder zumindest nicht in erster Linie) an CDU-wählende, RTL-guckende Patriot*innen, die mit der Gesamtgesellschaft und ihrer Stellung darin im Großen und Ganzen zufrieden sind,

    Schade eigentlich. Die Reflektierten haben es ja bereits erkannt, was du sagen möchtest, und sind mit dir einer Meinung.
    Warum richtest du dich nicht an die, die noch nicht reflektiert sind? Das würde doch viel mehr bewirken.

  9. 9 mademoiselle. 09. Mai 2012 um 14:31 Uhr

    ich hab‘ deinen blogpost gelesen und dachte mir so –
    GENAU DAS ist einfach der grund, wieso ich als woman of color keinen bock mehr auf antifakreise habe und dann les‘ ich die reaktionen von irgendwelchen weißdeutschen antifafickern auf facebook. fuck, ich sitze hier gerade und heule ernsthaft fast deswegen.

    kein bock mehr auf antifakreise, weil ich da genauso rassismus / sexismus / islamophobie (weil ich halt doch als ‚muslimisch‘ gelte, auch wenn ich atheistin bin, haha) erfahre wie außerhalb, oder sogar noch krasser. weil ich für weißdeutsche antifajungs als woman of color nur interessant bin, weil sie mich wahlweise sexuell attraktiv finden (und neben sprüchen, die ‚nur‘ sexistisch waren, habe ich auch oft genug welche gehört, die rassismus und sexismus verbinden), weil mensch durch mich so politisch korrekt wirkt – ‚oh schaut mal, meine freundin ist nicht deutsch und nicht weiß!‘ oder weil ich jetzt auf einmal dazu verpflichtet bin, leuten zu erzählen, wie es so ist, nicht über white boy privilege zu verfügen.
    und weil halt einfach NIEMAND anerkennt, dass für mich die intersektionalität von diskriminierungen einfach verfickte realität ist. weil für mich antifaschismus nicht irgendwie lifestyle oder so ist, sondern lebensnotwendig. weil meine erfahrungen als woman of color kleingeredet werden – ‚du übertreibst doch, reg dich nicht so auf‘. weil ich in keiner diskussion dominieren darf, ohne dass dann über meine figur gelästert wird – obwohl es niemanden etwas angeht, ob ich jetzt kleidergröße 42 oder kleidergröße 34 trage!

    so. das auskotzen hat gutgetan. :D . solidarische grüße!

  10. 10 Spinat 05. Oktober 2012 um 7:53 Uhr

    Hi, viruletta.
    Das ist ein toller Beitrag. Ich als WoC kann aus Erfahrung (ein Jahr in Deutschland) die übliche Energieverschwendung und Demütigung gut nachvollziehen, als ich quasi zu DER verantwortlichen für Antirassismuslehre gemacht wurde, deren Anfang und Ende nicht ich sondern die weiße Person bestimmen darf („du musst mir alles erklären, was du so denkst, ich weiß es einfach nicht wenn du mir nichts sagst!“ und dann schnell „ich bin so erschöpft von diesem Streit, es tut doch nichts, ich will nicht mehr“), auch wenn ich keine Deutsche bin oder mich nicht im deutschen Kontext befinde. Ich schließe mich an. Darf ich ein Link davon woanders stellen z.B. auf Facebook, blog, etc, um zu sharen?

  1. 1 Von den Alphamännchen und der Twitteria • Denkwerkstatt Pingback am 31. März 2012 um 3:42 Uhr
  2. 2 Mädchenmannschaft » Blog Archive » Abtreibung, Alltag in Saudi-Arabien und Rassismus bei Anne Will – die Blogschau Pingback am 31. März 2012 um 11:27 Uhr
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