Bitte einmal Critical Whiteness-Workshops für alle!

Wenn es um Mario Balotelli geht, dann will dieser Tage niemensch rassistisch sein, aber viele sind es trotzdem. Hierbei spielt es keine Rolle, ob es sich um sogenannte Party-Nationalisten, einfache Fußballfans oder die vermeintlich seriöse Presse handelt – sie alle bedienen sich altbekannter Klischees bei Vergleichen, die von Mal zu Mal flacher und dümmer werden, oder werden nicht müde, das x-te mal zu betonen, das Balotelli „ja nunmal wirklich schwer umgänglich ist“.

Balotelli hat es nicht nur gewagt, die deutsche Nationalmannschaft aus der EM zu kicken und somit das (natürlich harmlose!) deutsche Ehrgefühl zu verletzen, nein, er wagt es sich außerdem, als Schwarzer außergewöhnlich guten Fußball zu spielen und darauf auch noch stolz zu sein. Er wagt es, sich offen gegen Rassismen zu wehren indem er diese zunächst einmal als solche entlarvt und er wagt es, sich nicht unterkriegen zu lassen, sich nicht anzubiedern und für Selbstverständlichkeiten eben nicht dankbar zu sein. Und das alles, obwohl er Schwarz ist.

Rasse, Ethnizität oder welches Konstrukt auch immer in rassistischen Diskursen gerade als „harmlos“ gilt, fungiert als sozialer Platzanweiser, ähnlich der Kategorie Geschlecht. Die Zuordnung besagt: Du bist nicht Teil der Mehrheitsgesellschaft und du hast kein Anrecht auf (in diesem Fall) weiße Privilegien. Weiße Privilegien sind zum Beispiel: erfolgreich zu sein und dazu auch zu stehen, ohne die eigene Leistung abzuwerten, anderen (vorzugsweise weißen) zuzuschreiben oder sich selbst als Ausnahme von der Regel zu präsentieren. Balotelli ist das egal, er missachtet diese ungeschriebenen Gesetze und erfährt dafür auch entsprechende Sanktionen.

Warum herrschte in Italien so viel Widerstand, als bekannt wurde, dass Balotelli in der Nationalmannschaft spielen sollte? Weil dadurch das Bild einer homogenen italienischen Volksnation ins Wanken gebracht wurde. Für einen Großteil der Bevölkerung Europas gibt es nach wie vor keine Schwarzen Europäer*innen, sondern höchstens eingebürgerte Afrikaner*innen, die aber auch noch in der dritten oder vierten Generation als „anders“ und „fremd“ wahrgenommen werden. Balotelli musste lange warten, um auf dem Papier als Italiener anerkannt zu werden – abseits davon ist er es noch lange nicht. Ihm ist es inzwischen möglich, in der italienischen Nationalmannschaft mitzuspielen, jedoch nicht, als „richtiges“ Mitglied – will sagen: „echter“ Italiener – gesehen zu werden.

Einige Tageszeitungen titelten bereits vor der WM entsetzt „Italiens Stürmer Balotelli droht Rassisten mit Mord“ und zitierten ihn mit den Worten:

Für Balotelli ist Rassismus „nicht akzeptabel. Ich kann es schlicht nicht hinnehmen. Wir leben im Jahr 2012, so etwas darf nicht passieren. Aber wenn du ein starker Spieler bist, suchen sie nun mal Wege, um dich zu verärgern. Sie denken, dass Provokation der einzige Weg ist, um dich zu verletzen.“ (…)

„Wenn mich jemand auf der Straße mit einer Banane bewirft, werde ich ins Gefängnis gehen müssen, weil ich denjenigen umbringen werde“, sagte Balotelli dem Fachblatt „France Football“.
Er hoffe zwar, dass es bei der EM (8. Juni bis 1. Juli) keinerlei Probleme mit Rassismus geben werde, ergänzte Balotelli, falls doch werde er allerdings „sofort den Platz verlassen und nach Hause fahren“.

Im Spiel gegen Kroatien wurden seine Befürchtungen dann Realität. Balotelli wurde mit einer Banane beworfen und von Affenlauten begleitet, sobald er am Ball war. Er fuhr jedoch nicht nachhause, sondern spielte weiter – zu einem späteren Zeitpunkt auch gegen Deutschland.

Seine Pflegeeltern hatten immer wieder berichtet, dass Mario schon als Kind rassistische Angriffe ertragen musste. Mit jedem Karriereschritt wurden die Schmähungen schlimmer.

…schreibt die Sueddeutsche und bezeichnet die zwei Balotelli Tore gegen Deutschland an gleicher Stelle als vorläufigen Höhepunkt eben jener Karriere. Sind die Reaktionen also in irgendeiner Weise überraschend? In meinen Augen überhaupt nicht und ich kann mir vorstellen, dass Balotelli das zu dem Zeitpunkt, als eben jenes berüchtigte Bild entstanden ist, ähnlich gesehen hat.

Ebenso schildert es auch ein Autor der taz in einem der wenigen lesbaren Artikel über Balotelli:

Auf den ersten Blick fällt auf, dass die Pose, die Mario Barwuah Balotelli einnimmt, eigentlich nicht „fußballerisch“ ist. Sie entspricht auch nicht dem gewöhnten Drama der Spannung, des Alles-Gebens und dann des erlösten Sau-Rauslassens. Kein Jubel, eher Ingrimm.

Eher ein Vorher als ein Nachher. So, als würde die eigentliche Auseinandersetzung erst noch folgen.

Er hat Recht behalten. Leider.

In der Sozialpsychologie gibt es den Begriff Dissimilation (Unähnlich-werden) für einen Prozess, welcher auf oftmals jahrelang gescheiterte Assimilationsbemühungen (Ähnlich-werden) folgt. Menschen, die in der Gesellschaft, in welcher sie leben, ohnehin immer als fremd gelesen werden, nutzen dies oftmals ab einem gewissen Punkt als Strategie, um mit den Rassismen, die ihnen entgegengebracht werden, klarzukommen und sich selbst zumindest ein Stück weit aus der eigenen Ohnmacht zu befreien. Balotelli wird so oder so als wild/ animalisch/ aggressiv/ unzivilisiert attribuiert und zwar allein aufgrund der Tatsache, dass er Schwarz ist. Indem er sich in einer solchen Pose dorthinstellt, greift er Rassist*innen vor, in gewisserweise karikiert er sogar genau diese Einstellung. Und natürlich springen sie darauf an, geben sich somit selbst der Lächerlichkeit preis, zeigen, wie berechenbar und einfach gestrickt sie sind (Castro Varela schreibt hierzu: „Dem majorisierten Gegenüber wird etwas vorgespielt, was von diesem rasch geglaubt wird, deckt es sich doch nur allzu gut mit den hegemonialen Bildern.“). Um das Vorhandensein dieser Bilder zu beweisen, reicht – und das ist traurig – ein beliebiger Artikel über Balotelli. Immer und immer wieder wird er als aggressiv, faul, dumm, sexualisiert, unreif, animalisch und körperlich überlegen (damit impliziert natürlich sogleich intellektuell unterlegen) dargestellt. Die Welt schreibt gar unverblümt:

Seine Frisur ist eine Kriegserklärung und die körperliche Art, mit der er Verteidiger an den Rand des Wahnsinns quält und die giftige Entschlossenheit, mit der er seine Chancen nutzt, sind Teil eines Willens und Ehrgeizes, der sich nicht für die Kategorien bürgerlichen Anstands und europäischer Manieren interessiert.

..und die tagesschau erlaubt es sich,ein Balotelli-Porträt mit den Worten abzuschließen:

Jetzt sollte Balotelli nur nicht mehr ausrasten – und er sollte mal dringend zum Friseur. Sein inzwischen nicht mehr ganz so blonder Irokesenschnitt sieht irgendwie ziemlich affig aus. Affig – ohne Hintergedanken.

Auch die Vergleiche mit King Kong und Pittiplatsch greifen auf dieselben Bilder zurück. post_gedanken fasst treffend zusammen:

Eine Analogie zwischen einem Schwarzen Menschen und einem Monster oder Tier zu ziehen und ihn* dabei als wild, bedrohlich und unberechenbar zu konstruieren, ist nicht besonders neu. Das ist der Rassendiskurs der Moderne, hier knackig visuell aufbereitet für das Web 2.0. Das Ganze ist allein von der Facebookseite der 11 Freunde und Oliver Pochers 3500 mal geshared worden – und das sind nur zwei Beispiele. Dass die deutsche Elf einfach die schlechtere Mannschaft war, kann selbstverständlich nicht der Grund gewesen sein. Die italienischen “Straßenköter” (O-Ton Beckmann und Scholl in der Halbzeitpause) haben ein Mensch-Monster-Hybrid in ihrer Mannschaft, wie sollen “normale” Fußballer dagegen auch ankommen…

All die Vergleiche, Karikaturen und Artikel dienen in erster Linie dazu, die eigene (nationale, deutsche) Überlegenheit wieder herzustellen. All die Pittiplatsch und weiß der Geier was für Vergleiche sagen das, was die Person, die diese Dinge dann später lustig findet oder gar verbreitet sich nie auszusprechen trauen würde: Du hast „uns“ zwar aus dem Tunier gekickt – aber du bist immer noch Schwarz.


16 Antworten auf „Bitte einmal Critical Whiteness-Workshops für alle!“


  1. 1 Matthias 04. Juli 2012 um 9:07 Uhr

    Ich frage mich – und ich bitte das nicht als Trollerei, sondern als ernsthafte Frage zu sehen – ob es nicht auch rassistisch ist, von visuellen Pittiplatsch-Balotelli-Vergleichen abzusehen, nur weil er schwarz ist. Der Artikel ist gut geschrieben und mir leuchtet durchaus ein, welche Subtexte da lauern. Aber wo ist die Grenze, wo sollte man ihn wie jeden anderen behandeln und eine visuelle Ähnlichkeit ausschlachten und wo sollte man davon absehen? Gibt es Regeln oder ist das rein subjektiv?

  2. 2 viruletta 04. Juli 2012 um 11:03 Uhr

    Rassismus ist mehr als eine individuelle Einstellung, Rassismus ist ein Herrschaftsverhältnis, auf das sich in bestimmten Situationen von Seiten der Mehrheitsgesellschaft willkürlich berufen werden kann. Es gibt weiße Privilegien, aber analog dazu gibt es keine Schwarzen. Weiße befinden sich – egal ob in Europa, Afrika, Asien oder sonstwo – immer in der dominanten Position. Das ist es ja auch, was ich mit meinem letzten Satz zum Ausdruck bringen wollte: Balotelli kann noch so viele Tore schießen, noch so guten Fußball spielen – ein*e dahergelaufene*r Idiot*in kann ihn jederzeit vom Spielfeldrand aus mit einer Banane bewerfen oder einen Vergleich von ihm und Pittiplatsch hochladen und damit die eigene Position klar machen. „Du bist immer noch Schwarz, ich bin immer noch weiß – egal wie erfolgreich du bist und egal wie unzivilisiert ich mich benehme, ich bin nach wie vor die Person mit den Privilegien“. Minderprivilegierte zu schützen kann deshalb gar nicht rassistisch sein.

    Du spielst auf den Pittiplatsch-Vergleich an; welche Ähnlichkeit wird denn da herangezogen? Richtig, seine Hautfarbe. Wir reden hier ja die ganze Zeit über dieses Bild:

    Also ganz ehrlich, ich würde bei der Pose eher an einen Gladiatoren denken als an Pittiplatsch. Aber die sind ja in den Köpfen der Mehrheitsgesellschaft weiß, Pittiplatsch hingegen ist Schwarz und noch dazu irgendeine merkwürdige Kreatur, nicht Mensch, nicht Tier… Das passt sehr gut in die Vorstellung, die weiße in aller Regel nach wie vor von Schwarzen haben. Wenn Balotelli auf dem Platz steht ist er für die Zuschauer*innen nicht in erster Linie Fußballspieler oder Italiener – er ist nach wie vor in erster Linie Schwarz. Und das zeigen auch all die Bilder, Vergleiche und Artikel. Hier wird ein Schwarzer karikiert, niemensch sonst.

  3. 3 tom 04. Juli 2012 um 12:35 Uhr

    Ich finde ja die Rückgriffe auf Tierlichkeitsvorstellungen in den rassistischen Diskursen ganz interessant und frage mich dann immer wie viel emanzipatorisches Potential in der radikalen Idee steckt, dass wir einfach aufhören, Tiere „wie Tiere“ zu behandeln.

  4. 4 dangerousbeans 04. Juli 2012 um 13:29 Uhr

    Ich würde ja mal die ganz naive Frage stellen, warum eine „visuelle Ähnlichkeit“ denn überhaupt „ausgeschlachtet“ werden sollte. Darüber hinaus erscheint mir die Annahme, Rassismen würden von eben denen reproduziert, die auf ihr Vorhandensein hinweisen, als eine geradezu bizarre Verdrehung der Realität. Der ganze Müll hört nicht davon auf, dass wir ihn brav ignorieren und uns in einer post-rassistischen Gesellschaft wähnen.

  5. 5 Matthias 04. Juli 2012 um 13:41 Uhr

    Bei dem Vergleich gehts um dieses Bild: http://2.asset.soup.io/asset/3234/0706_a526.jpeg
    In diesem Bild spielen neben der Hautfarbe auch Frisur, Haarfarbe und Farbe des T-Shirts eine gleichberechtigte Rolle. Insofern würde ich Deine Antwort jetzt so interpretieren: wennn sich die Ähnlichkeit auf die Frisur oder andere selbstgewählte Eigenschaften bezieht, dann ist es ok. Wenn aber die Hautfarbe das bestimmende Element ist, dann nicht. Richtig?

    (Was beim Pittiplatsch-Bild bestimmend ist, darüber kann man natürlich streiten, da es sich aus mehreren Aspekten zusammensetzt.)

    Über „Minderprivilegierte zu schützen kann deshalb gar nicht rassistisch sein“ muss ich noch ein bißchen nachdenken. Wenn man ihn „beschützen“ will und daher gar keine Witze über ihn macht – auch keine völlig unabhängig von seiner Hautfarbe und keine, die man genauso über jeden anderen machen würde – dann wäre er ja am Ende trotzdem diskriminiert, herausgehoben, dann steht er unter diesem Aspekt dennoch wieder allein da. Das wäre ein komischer Effekt. Aber Du hast Recht, mit Rassismus im Sinne von Privilegien hat es dann wohl nicht mehr viel zu tun. Muss ich nochmal drüber nachdenken.

  6. 6 Risto 04. Juli 2012 um 14:36 Uhr

    Ich finde den Artikel sehr gut und vor allem sehr wichtig.

    Ich frage mich nur, wieso Balotelli in den Medien und in den meisten Köpfen so eine Sonderrolle einnimmt – nicht erst seit dieser EM, sondern längst davor. Und nicht nur in den deutschen Medien, sondern auch in den italienischen. Denn über ihn konnte man von Anfang an immer mehr lesen als von manch anderem Spieler der Squadra Azzurra.

    Ich frage mich also, woran genau das lag bzw. immer noch liegt. Zuletzt sicherlich an dem Halbfinalspiel und dem „verletzten Stolz“, dass die deutsche Nationalmannschaft ein weiteres Mal weder Titel noch gegen die italienische Nationalmannschaft gewann. Aber davor?
    Balotelli ist nicht der einzige Schwarze im italienischen Team und über Angelo Obinze Ogbonna schreibt oder redet niemand. Und auch wenn Ogbonna nicht bei einem Top-Club der englischen Liga spielt, ist er ein sehr guter Verteidiger und war als einziger Serie B Spieler überhaupt im EM-Kader. Er hat sich also bei den Fußball-Laien vielleicht noch keinen Namen gemacht, aber er spielt guten Fußball, ebenso wie Balotelli.
    Trotzdem galt jegliche Aufmerksamkeit Balotelli und ich denke das sollte man nicht außer Acht lassen.
    Es gibt einfach Fußballer, die gewisse ungeschriebene Fußballgesetze brechen (z.B. den Zuschauern den Mittelfinger zeigen; die eigenen Fans beschimpfen, etc.) und damit einen schweren Stand bei „Fans“, Interessierten und/oder den Medien haben. Und Balotelli hat sich in der Vergangenheit eben auch wirklich ein paar Fehler dieser Richtung erlaubt, die er zwar direkt danach bedauert hat, aber im Fußball (oder der Gesellschaft allgemein) haften einem Fehler leider stärker und länger an als Erfolge oder besonders schöne Momente. Das ist meines Erachtens ein Problem, was oft vergessen wird. Dass Rassismus aber immer noch so vorhanden ist, kann leider keiner verneinen und ich kriege als begeisterter Fußballfan gerade bei EM- oder WM-Turnieren jedes Mal Brechreiz, weil dieser Party-Nationalismus oder Fußballrassismus noch in viel zu vielen Köpfen steckt.

    Und zu den beiden Kommentaren zuvor:
    Dieses Foto von Balotelli wurde ja nun in zig verschiedenen Varianten bearbeitet, darunter zum Beispiel auch eine Darstellung als Gladiator oder wie er an einem Kickertisch steht und so weiter… Frage an viruletta: Ist das für dich in Ordnung?

  7. 7 viruletta 04. Juli 2012 um 14:53 Uhr

    dangerousbeans, ich bin nicht der Meinung, dass eine wie auch immer geartete Ähnlichkeit „ausgeschlachtet“ werden sollte. Ich denke nur, dass dies auf unterschiedlichen Ebenen geschehen kann und im Fall von Balotelli eben auf der rassistischen Ebene geschieht, weil das eine Ebene ist, auf der Balotelli „angreifbar“ erscheint. Verstehst du, was ich sagen will? Ich halte die Vergleiche nicht für zufällig oder willkürlich sondern sehe dahinter eine Positionierung, in der Schwarz = Schwäche gesetzt wird.
    Das hier:

    Darüber hinaus erscheint mir die Annahme, Rassismen würden von eben denen reproduziert, die auf ihr Vorhandensein hinweisen, als eine geradezu bizarre Verdrehung der Realität. Der ganze Müll hört nicht davon auf, dass wir ihn brav ignorieren und uns in einer post-rassistischen Gesellschaft wähnen.

    verstehe ich allerdings nicht, kannst du das bitte nochmal erklären bzw. den Bezug zu meinem Post/ den bisherigen Kommentaren herstellen?

    Matthias, wie oben schon geschrieben: nein, ich halte es nicht für okay, ich finde Wettkampfsport an sich bescheuert, aber dann wäre es eben nicht mehr rassistisch. Vielleicht hätten wir dann einen anderen Ismus, Look- oder Klassismus oder ganz was anderes.
    Was den Rest angeht: Wir reden ja von einer Situation, die von vornherein asymmetrisch ist, da die eine Seite mit Privilegien ausgestattet ist und die andere nicht. Aus dem Kontext gerissen wirkt mein Satz komisch, das gebe ich zu. Ich habe aus deinem ersten Kommentar rausgelesen, dass du es für rassistisch gegenüber weißen Spielern halten würdest, Balotelli eine Sonderstellung einzuräumen und dabei außen vor lässt, dass er die ja bereits hat. Mir geht es darum, eigene Privilegien zu reflektieren und mich vor solchen Vergleichen zu fragen, aus welcher Position heraus ich hier gerade Witze mache oder Vergleiche ziehe und es dann gegebenfalls zu lassen, sofern ich feststelle, dass das Verhältnis von vornherein asymmetrisch ist. Herrschaftsverhältnisse auszublenden bringt einfach gar nichts und ist genauso emanzipativ wie zu sagen: „Geschlecht ist ein Konstrukt. Jetzt, wo uns das allen klar ist, brauchen wir Frauen* nicht mehr fördern/ unterstützen/ schützen“. Aber wenn solche Ungleichheiten nicht thematisiert werden, dann können sie auch nicht abgebaut werden. Privilegien verschwinden nicht im Nichts, sie müssen zunächst einmal als solche anerkannt werden und dann sollte nach Wegen gesucht werden, sie auszugleichen und dann letzten Endes abzubauen.

    Risto, ich muss zugeben, dass ich mich eigentlich gar nicht für Fußball interessiere und den ganzen Wirbel um Balotelli erst durch Facebook und die Medien mitbekommen habe. Ich könnte mir aber vorstellen, dass es daran liegt, dass er sich eben nicht verhält, wie es insbesondere von einem Schwarzen Spieler erwartet wird. Er biedert sich nicht an, er ordnet sich nicht unter, im Gegenteil, er ist stolz und betrachtet seine Erfolge als eigene Leistung, die er niemenschen außer sich selbst zu verdanken hat. Außerdem thematisiert er Rassismus, bringt also etwas an die Öffentlichkeit, was lieber totgeschwiegen und tabuisiert wird. Er wagt es, seine Gegenüber zu kritisieren und sich ein positives Selbstbild zu bewahren, und das obwohl er alltäglich mit Versuchen zu kämpfen hat, die darauf abzielen ihn einzuschüchtern und seine Integrität zu untergraben. Er bricht einfach zu viele ungeschriebene Gesetze, wie du ja auch nochmal aufgeführt hast. Sowas darf ein Fußballspieler sich eben nicht erlauben und schon gar nicht ein Schwarzer.

  8. 8 dangerousbeans 04. Juli 2012 um 16:20 Uhr

    Hallo Viruletta,

    ich gehe da vollkommen d‘accord. Meine Frage zielte eigentlich v.a. in die Richtung, dass ich generell mit humoristischen Eskapaden, die primär auf die Äußerlichkeiten bzw. auf den Körper von Menschen abzielen, nichts anfangen kann. Insofern stellte ich mir die Frage, ob das überhaupt sein muss – wobei dieser spezielle Fall aufgrund des rassistischen Gehalts natürlich noch ein Stück widerlicher ist.

    Der zweite Teil meines Posts bezog sich auf Matthias‘ Anmerkung „[…]ob es nicht auch rassistisch ist, von visuellen Pittiplatsch-Balotelli-Vergleichen abzusehen, nur weil er schwarz ist.“ Auch wenn das hier als Frage formuliert war, finde ich diese Herangehensweise problematisch. Es ist ja mittlerweile beinahe schon ein bischen in Mode gekommen (mein Eindruck!), einerseits das Auslassen diskriminierender Witze bspw. als wiederum diskriminierend zu bezeichnen (So im Stile von: Wenn wir uns nicht über die körperliche Beschaffenheit „der Schwarzen“ lustig machen, substrahieren wir sie doch erst recht aus der Mehrheitsgesellschaft raus…), andererseits sich in allen möglichen Post-Szenarien reinzufantasieren: Post-Race, Post-Gender etc. Das geht dann einher mit der steilen These, dass dieser ganze unterdrückende, normalisierende, diskriminierende Mist ja eigentlich schon überwunden sei und deshalb auch nicht weiter thematisiert werden müsse: Wer das dennoch tut, reproduiziert das Ganze damit ja eigentlich nur.

    Letzterer Punkt stand so natürlich nicht in dem Post drin, ist aber bis zu einem gewissen Grad fast schon notwendige Vorraussetzung, um sich in einer Situation zu wähnen, in der wir ungeachtet der rassistischen Tradition dieser Gesellschaft ganz unschuldig Witze übereinander reissen können.

  9. 9 viruletta 04. Juli 2012 um 16:48 Uhr

    Achso, ja, dann sind wir uns einig. :)

  10. 10 Matthias 04. Juli 2012 um 19:30 Uhr

    @Viruletta:

    Dass es diskriminierend gegenüber den Weißen wäre, habe ich um Himmels willen nicht gemeint! Ich meinte eher sowas wie – mal anderes Beispiel – mit einem Rollstuhlfahrer ganz langsam und deutlich zu sprechen oder immer ganz vorsichtig zu sein, nichts falsches zu sagen, weil man ja auf ihn Rücksicht nehmen und ihn schützen möchte. Was aber Scheiße für den Rollstuhlfahrer ist, da es ihn noch viel stärker in eine Sonderrolle stellt (könnte ich mir vorstellen).

    Dass diese Überlegung, wie dangerousbeans sagt, eine Mode ist, war mir nicht bewußt. Aber ihr habt vermutlich recht. Das gegenteilige Problem – Rassismus, Herablassung etc – ist einfach viel drängender.

  11. 11 Tasse Kaffee 07. Juli 2012 um 12:30 Uhr

    „Wer das dennoch tut, reproduiziert das Ganze damit ja eigentlich nur.“

    Ich denke, man dramatisiert es zugleich. Ebenso wie z.B. die Kategorie Geschlecht in den letzten Jahren eine Dramatisierung erfahren hat. Es ist praktisch genau das Gegenteil des Beabsichgten eingetreten. Der Fokus richtet sich immer mehr auf das Anderssein und enthebt die betr. Personen noch mehr der Alltäglichkeit.

  1. 1 Logbuch: 4. Juli 2012 « Schichtstufen Pingback am 04. Juli 2012 um 18:38 Uhr
  2. 2 Viruletta über Fußball, Rassismus und Balotelli « Rummotzen Pingback am 05. Juli 2012 um 1:54 Uhr
  3. 3 Mädchenmannschaft » Blog Archive » Femgeeks, nervige Leser und ein feministisches Teenie-Magazin – die Blogschau Pingback am 07. Juli 2012 um 11:06 Uhr
  4. 4 Bitte einmal Critical Whiteness-Workshops für alle! « Netzbibliothek Pingback am 12. Juli 2012 um 7:27 Uhr
  5. 5 Logbuch: 4. Juli 2012 | Schichtstufen Pingback am 11. April 2013 um 13:43 Uhr
Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.