Kann ich aufhören zu sein, was Andere in mir sehen?

Ich befasse mich jetzt schon etwas länger mit Selbstpositionierungen, Privilegien und allem was dazu gehört. Natürlich habe ich mir in diesem Zusammenhang oft die Frage gestellt, wo ich mich selbst verorte bzw. wie ich von Anderen gelesen werde. Ich bin mir bewusst, dass mir vielfach Privilegien zuteil werden, von denen ich in den meisten Fällen behaupte, ich würde sie gar nicht haben wollen, obwohl mein Alltag dadurch wesentlich einfacher ist. Oftmals nehme ich sie noch nicht mal als Privilegien wahr, weil sie für mich Normalität sind, meine ganz persönliche gesellschaftliche Realität darstellen. Wenn mir dann Personen, denen diese Privilegien nicht zuteil werden, aus ihrem Leben, von ihrem Blickwinkel aus, erzählen, bin ich schockiert. Ich fühle mich dann oft schuldig und würde am liebsten „die Seiten wechseln“, weil das einfacher erscheint, als mich immer wieder selbst zu hinterfragen, und auf jeden Fall weniger schmerzhaft, weil ich mich doch so gerne zu „den Guten“ zählen würde. Auch hier. Und ich weiß, dass ich nicht die einzige bin, der es so geht.

Erst letztens habe ich ein Gedächtnisprotokoll über eine rassistische Ausstellung gelesen, in der die Rede davon war, dass eine Person nicht mehr als weiß wahrgenommen werden wollte, da es sich hierbei ja „nur“ um eine soziale Position handelt.

Lisa sagte sie hätte kein Lust mehr, mit ‘weißen’ typisierten Personen zu reden, daraufhin hat sich eine externe von uns als ‘weiß’ und frauisiert gelesene Person in die Gruppe eingemischt, auf Tobi gezeigt und gesagt, dass er doch auch ‘weiß’ sei. Dieses Verhalten wurde von rs! als grenzüberschreitend wahrgenommen. Tobi erklärte der besagten Person kurz das Konzept von ‘weiß’sein, dass ‘weiß’ keine Hautfarbe sondern eine soziale Position sei.

So weit so gut, aber wird Tobi denn deshalb nicht mehr als weiß gelesen? Dass Hautfarben (genau wie „Rassen“, Ethnizitäten oder was auch immer) nur ein Konstrukt sind, da stimme ich ja vollkommen zu. Ich ziehe nur andere Konsequenzen. Letzten Herbst habe ich mich zum Beispiel furchtbar über den Postgender-Ansatz der Piratenpartei aufgeregt. Dort wurde ebenfalls nach dem Motto verfahren: Jetzt wo wir ja wissen, dass es eigentlich gar keine Geschlechter gibt, müssen wir auch keine Rücksicht mehr auf weibliche Belange nehmen – die gibt es dann ja ebenfalls nicht mehr! Gleichstellungspolitiken, Quoten wurden einfach mal wegkonstruiert. Doch genau das nützt im Endeffekt wieder nur den ohnehin schon Privilegierten, weil es Ungleichheiten verschleiert, ja unsichtbar macht. Es wird von einem Standard ausgegangen, der gesellschaftlich gesehen einfach noch lange, lange nicht verwirklicht ist.

Der Beschluss, ab heute nicht mehr weiblich zu sein, überwindet für mich trotzdem noch nicht die 23% Lohnunterschied. Der Beschluss, nicht mehr männlich zu sein, tut das genauso wenig, scheint aber zu legitimieren, sich nicht mehr weiterhin mit den eigenen Privilegien, der eigenen Macht auseinander setzen zu müssen. Ich würde gerne aufhören, mich als weiß zu sehen, um mir keine Gedanken mehr um meine eigene Stellung in diesem auf Ungleichheiten aufgebauten System zu machen. Doch dann stelle ich mir Fragen wie: werden mir weiterhin weiße Privilegien zuteil? Ja. Habe ich eine Vorstellung davon, wie es ist, von Rassismus betroffen zu sein? Nein. Wie will ich dann aufhören, weiß zu sein? Für mich hat das was von: Privilegien ja, aber Schuldgefühle, nein danke. Es ist ein verdammter Luxus, festlegen zu können was und wer ich bin – und was nicht. Eine Schwarz gelesene Person kann sich auch nicht entscheiden, von heute auf morgen aufzuhören, Schwarz zu sein. Spätestens beim Schritt aus der Haustür heraus, wird sie daran erinnert werden. Die Definitionshoheit darüber, „wer was ist“, ist doch alleine schon ein wahnsinniges Privileg!

Worauf ich hinaus will ist: eine Strukturkategorie verliert noch lange nicht an Wirkungsmacht, nur weil sie konstruiert ist. Ich kann mich in vielen Fällen entscheiden, meine Privilegien nicht auszuspielen. Vor allem in der Interaktion mit weniger Privilegierten. Ich kann an mir arbeiten, mich immer wieder selber reflektieren und mich darum bemühen, so wenig Ismen wie möglich an den Tag zu legen. Aber ich kann mir nie sicher sein, ob ich den Job oder die Wohnung nur bekommen habe, weil die*der andere Bewerber*in Schwarz, orientalisch, körperlich/ geistig beeinträcht oder, oder, oder gelesen worden ist. Auch wenn ich meine Privilegien nicht sehen will, sind sie trotzdem da. Und so lange das so ist, werde ich auch nicht aufhören können, weiß zu sein.


8 Antworten auf „Kann ich aufhören zu sein, was Andere in mir sehen?“


  1. 1 Bäumchen 18. Juli 2012 um 15:51 Uhr

    Ich hab mir das mit dem Konstruiertsein immer anhand eines Gebäudes gemerkt, als ich das alles noch nicht so kapierte. Gebäude sind konstruiert, von Menschenhand und Maschinen geschaffen und nicht „natürlich“ entstanden aufgrund eines zwingenden Naturgesetzes. Aber nur, weil wir wissen, dass das so ist und dass das Gebäude auch hätte ganz anders aussehen können oder auch abgerissen werden kann, sowie umgebaut oder Sachen drangebaut werden können, ist das Gebäude deshalb nicht weniger „wirklich“. Wir werden uns kräftig die Köpfe daran stoßen, falls wir versuchen sollten, es einfach zu ignorieren.

  2. 2 naekubi 19. Juli 2012 um 15:26 Uhr

    Vielen Dank für diesen Artikel. Sehr klar geschrieben, sehr reflektiert.

    Nur weil etwas konstruiert ist, ist es ja nicht weniger real.

  3. 3 Wintermute 21. Juli 2012 um 16:52 Uhr

    Ich fühle mich dann oft schuldig und würde am liebsten „die Seiten wechseln“, weil das einfacher erscheint, als mich immer wieder selbst zu hinterfragen, und auf jeden Fall weniger schmerzhaft, weil ich mich doch so gerne zu „den Guten“ zählen würde. Auch hier. Und ich weiß, dass ich nicht die einzige bin, der es so geht.

    Für mich hat das was von: Privilegien ja, aber Schuldgefühle, nein danke.

    Das liest sich jetzt so, als wären Schuldgefühle der angemessene Umgang mit Privilegien. Bist du wirklich dieser Ansicht? Glaubst du, das nützt rassistisch diskriminierten Menschen, wenn du dich für die Abwesenheit der Unbill schämst, die ihnen häufig wiederfährt? Wenn ich google bemühe, scheint die mehrheitsmeinung unter PoC in der englischsprachigen blogsphere eher zu sein, dass sie keine „white guilt“ wollen und brauchen.

    Außerdem glaube ich, dass das taktisch unklug ist. Wer will sich denn bitte freiwillig Schuldgefühle aufladen? Wenn diese Forderung, sich schlecht zu fühlen, an Privilegierte gestellt wird – wird das nicht ihre Bereitschaft, ihre Privilegien zu hinterfragen, mächtig reduzieren?

    Außerdem finde ich die Vorstellung, dass unterdrückt sein=gut ist, äußerst schräg. Opfer sein ist doch keine moralische Auszeichnung oder so was

  4. 4 Monchichi 24. Juli 2012 um 0:02 Uhr

    @ Wintermute

    „Wenn diese Forderung, sich schlecht zu fühlen, an Privilegierte gestellt wird – wird das nicht ihre Bereitschaft, ihre Privilegien zu hinterfragen, mächtig reduzieren?“

    Hab ich bisher was falsch verstanden oder ist das im Grunde nicht die Definition von „white guilt“? Die „Bereitschaft“ (nicht die Forderung – wer sollte hier denn fordern?) sich aufgrund des eigenen „Weißseins“ und der damit verbundenen Privilegien schlecht zu fühlen und natürlich führt das im Endeffekt dazu, dass eben solche Personen mehr darauf fixiert sind „Vergebung“ zu finden als darauf sich mit sich selbst auseinander zu setzen.

    Den Artikel habe ich so aber nicht aufgefasst, sondern eher als eine sehr gute Reflektion was das Thema Selbst- und Fremdwahrnehmung angeht, denn ganz genau das ist doch des Pudels (und des Textes) Kern: Ich kann nicht ändern in welche Schublade ich von Anderen gesteckt werde, ich kann meine Privilegien auch nicht einfach ablegen indem ich Solidarität bekunde. Wie man das reflektieren kann ohne sich auch nur im geringsten unwohl zu fühlen weiß ich nicht. Es erscheint mir persönlich einfach nicht möglich. Das bedeutet aber nicht, dass man sich in die Privilegienschuld stürzt, sondern das sich dieses Gefühl nunmal hin und wieder einstellt wenn man sich mit den eigenen Privilegien versucht auseinander zu setzen. Immernoch besser als dem Irrglauben zu verfallen, dass man die Seiten wirklich einfach so wechseln könnte.

  5. 5 daniel 07. August 2012 um 18:58 Uhr

    Kleine Fräge: Wie muss ich mir denn das vorstellen, dass die Hautfarbe ein Konstrukt ist?
    Und was wäre dann auf dieser Welt überhaupt kein Konstrukt, wenn die Hautfarbe auch ein Konstrukt ist?

  1. 1 Mädchenmannschaft » Blog Archive » Privilegien, Sexismus 101 und tote Autoren – die Blogschau Pingback am 21. Juli 2012 um 13:00 Uhr
  2. 2 Haben Frauen keine “weiblichen Privilegien”? | Feminismus 101 Pingback am 23. Oktober 2012 um 10:02 Uhr
  3. 3 Haben Frauen keine “weiblichen Privilegien”? | Feminismus 101 Pingback am 23. Oktober 2012 um 10:02 Uhr
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