Die Brille.

Irgendwann hat in meinem Leben ein Prozess begonnen, der gemeinhin als Politisierung bezeichnet wird. Ich finde inzwischen das Wort Sensibilisierung passender. Im Laufe dieses Prozesses hat sich meine Sicht auf die Welt verändert, ich habe in gewisser Weise die Brillengläser gewechselt. Oder gereinigt. Mein Blick ist klarer, die rosarote Farbe abgeblättert. Ich laufe nicht mehr mit Scheuklappen durch die Welt (oder zumindest nicht mehr mit so großen), ich sehe jetzt auch die Dinge und die Menschen am Rand. Was bleibt ist ein unverstellter Blick auf eine gesellschaftliche Realität, angesichts derer ich mir am liebsten gleich komplett die Augen zuhalten würde. Das Schlimme ist, dass ich in der Regel von Menschen umgeben bin, die all das nicht wahrnehmen und mich für verrückt erklären. Die mir weismachen wollen, ich würde Dinge sehen, ja sehen wollen, die gar nicht da sind. Die aufhören, mich ernst zu nehmen und sich angegriffen fühlen, wenn ich meinerseits versuche, ihr Weltbild in ein anderes Licht zu rücken. Die sich eigentlich ganz wohl fühlen in einem System, dass es ihnen ermöglicht all das nicht erkennen zu müssen und trotzdem nicht zu stolpern. Als ob es ihnen egal wäre, worüber sie steigen, so lange sie nicht fallen.

Rosabrillen gibt es nicht für alle und auch nicht im Ausverkauf. Sie sind Luxus, ihr Besitz ein Privileg. Wenn deine kaputt ist, einen Sprung hat, dann bist du draußen. Dann gehörst du nicht mehr dazu, dann kannst du nicht mehr mitreden, mitlachen, drüber-hinweg-sehen. Dann sehen andere Brillenträger*innen dich als Gefahr und versuchen ihre Brillen vor dir zu schützen. Wenn die Rosabrille bei deiner Geburt nicht zur Grundausstattung gehört, wirst du noch viel früher lernen, wie wenig deine Sichtweise zählt. Dann bist du ein Störfaktor in der Zuckerwattewelt der Mehrheitsgesellschaft, etwas grundsätzlich und ganz und gar Anderes.

Als Brillentragende hast du jeden Tag die Wahl, dich für oder gegen sie zu entscheiden oder zumindest den Grad der Tönung zu reduzieren. Du kannst Menschen zuhören und Glauben schenken, deren Horizont ein anderer ist, weil ihr Alltag ein anderer ist, weil ihr Blick ein anderer ist. Du kannst jederzeit aufhören, dich auf deinen Privilegien auszuruhen, du kannst Austreten aus dem exklusiven Club der Verblendeten. Du hast jeden Tag aufs Neue die Chance, dir die Zuckerwatte aus den Ohren und die Rosafarbe von den Gläsern zu kratzen und dich dem zu stellen, was für andere Normalität ist.

Der Entschluss, den ich vor vielen Jahren gefasst habe, lautet: Solange es keine Rosabrillen für alle gibt, möchte ich meine auch nicht tragen.


7 Antworten auf „Die Brille.“


  1. 1 BT 28. August 2012 um 10:26 Uhr

    Wieso würdest du denn den Begriff Sensibilisierung den Begriff Politisierung vorziehen? Bei mir fand der Politisierungsprozess eher dahingehend statt, dass ich falsche Vorstellungen die ich mir über gesellschaftliche Bedinungen gemacht habe abgelegt habe.
    Ich finde Sensibiliserung klingt da mehr nach einer „Ausdifferenzierung“ und Vertiefung der Analyse, also das mensch schon im Kern eine richtige Vorstellung von Dingen hat, diese aber die Komplexität der Verhältnisse noch nicht erfasst, was bei den meisten Menschen wohl nicht so ist. Aber wahrscheinlich hast du auch nur über dich persönlich geschrieben wo das wahrscheinlich auch stimmen wird und ich bin gerade ohne Grund besserwisserisch :)

    Zum Rest – ich glaube das in linken Bewegungen der Druck unter dem mensch als Kommunist_in/Anarchst_in oder was auch immer steht unterschätzt wird. Damit meine ich nicht nur der Druck von rein repressiven Staatsapparaten. Hinzu kommt ja noch dass mensch dadurch das mensch eine Minderheitenmeinung vertritt permanent Rechtfertigungsdruck ausgesgesetzt ist – durch die ideologischen Staatsapparate (Schule, Familie etc.) oder sonstwie. Mensch müsste eigentlich sehen dass wir Leute damit nicht alleine lassen sondern ein Umfeld schaffen indem es möglich ist sich dem auch mal zu entziehen und sich auch darüber mal auszukotzen. Ich glaube das es sonst viele Menschen gibt die den Anpassungsdruck irgendwann nicht mehr standhalten können.

    Hoffe du lässt dich nicht verrückt machen und machst weiter in deiner politischen Arbeit :)

  2. 2 Renée 01. September 2012 um 22:11 Uhr

    Vielen Dank für diese schöne Analogie und damit das Deutlichmachen von diesem Phänomen. In den letzten Tagen habe ich mir oft gewünscht „zurück zu können“, zurück zu der rosa Brille. Aber du hast Recht, es gibt kein „wiederaufsetzen“. Manchmal finde ich es schade und vor allem anstrengend, aber meistens lebe ich ganz gut damit.
    Vor Allem, wenn ich gerade wieder ein tollen Blog gefunden habe, so wie eben gerade deinen! Habe ihn gerade einmal komplett gelesen und mir gefällt deine Beobachtungsgabe und dein Auf-Den-Punkt-Bringen und das Ganze in verständlicher, alltagsnaher Sprache wiedergeben sehr gut! Danke! :-)

  3. 3 Inga 02. September 2012 um 10:12 Uhr

    Ein schöner Text, der mir an vielen Stellen aus der Seele spricht. Manchmal frage ich mich auch, ob ich „Gespenster sehe“, ob ich einfach zu ernst, zu unentspannt bin, weil ich mich mit vielen alltäglichen Floskeln, Ereignissen, Filmen etc. so unwohl fühle.

  4. 4 Tina 05. September 2012 um 8:53 Uhr

    Vielen Dank für den Text. Du hast sehr gut beschrieben, was ich oft ähnlich empfinde.
    Eine Schwierigkeit, die ich mit der Situation habe, ist im Umgang mit Leuten, die sozusagen die Brille noch auf haben. Ich habe eine ziemliche Wut auf gesellschaftliche Strukturen, Ausschlussmechanismen etc. (natürlich schneller, wenn sie auch mich ausschließen) und die projiziere ich häufig auf die Leute mit einer solchen Brille, die z.B. unreflektiert davon ausgehen, dass ihre Privilegien „normal“ sind.
    Aber eigentlich möchte ich nicht den meisten Menschen mit Wut gegenübertreten, vor allem auch, weil sie oft kaum die Chance haben, ihre Brille wahrzunehmen und es ja mehr Strukturen als einzelne Menschen sind, die problematisch sind, auch wenn sie von den Menschen dann wieder reproduziert werden.
    Wie geht Ihr mit dieser Wut um?

  5. 5 karlotta 07. September 2012 um 11:43 Uhr

    Ich finde das Bild auch super geeignet um Privilegien zu erklären – und verstehe es auch so, dass es zum Teil so gemeint ist? Als profeministischer Mann*, als „weiße“ ally von von Rassismus betroffen Menschen, als noch-gesunder mich für Rechte von Menschen, die als „krank“ gelten Einsetzende*r, habe ich eben doch die Wahl, die Brille/ die Scheuklappen wieder aufzusetzen und wenn wir mal ehrlich sind, in der Regel tun wir das auch immer mal wieder.

  6. 6 Laila 23. Oktober 2012 um 20:42 Uhr

    das mit dem „für verrückt erklären“ ist irgendwie eine seltsame sache. ich glaube viele menschen halten mich für jemanden der irgendwie etwas auserhalb der realität lebt. aber das selbe denke ich ja auch über eben diese menschen. wer ist nun aber der eigentlich verrückt? ich? oder „die anderen“? beide?
    letztendlich gewinnen ja immer diejenigen die in der überzahl sind. ich habe mal ein buch gelesen, in der gab es eine kleine witzige geschichte dazu:
    „Ein mächtiger Zauberer, der ein Königreich zerstören wollte, schüttete einen Zaubertrank in den Brunnen, aus dem alle Einwohner tranken. Wer von diesem Wasser trank, würde verrückt werden.
    Am folgenden Morgen trank die ganze Bevölkerung davon, und alle wurden verrückt außer dem König, der einen eigenen Brunnen für sich und seine Familie besaß, zu dem der Zauberer keinen Zugang hatte. Besorgt versuchte er die Bevölkerung unter Kontrolle zu bringen, indem er eine Reihe von Sicherheits- und Gesundheitsmaßnahmen erließ. Doch die Polizisten und Inspektoren hatten von dem vergifteten Wasser getrunken, hielten die Beschlüsse des Königs für absurd und beschlossen, sie keinesfalls zu befolgen.
    Als die Bevölkerung von den königlichen Verordnungen hörte, glaubte sie, der Herrscher sei verrückt geworden und würde nunmehr sinnloses Zeug schrteiben. Sie begaben sich unter lautem Geschrei zur Burg und verlangten seinen Rücktritt.
    Verzweifelt willigte der König ein, den Thron zu verlassen, doch die Königin hinderte ihn daran und sagte: „Laß uns zum Brunnen gehen und auch daraus trinken. Dann sind wir genauso wie sie.“
    So geschah es. Der König und die Königen tranken vom Wasser der Verrücktheit und fingen sogleich anh, sinnlose Dinge zu sagen. Nun bereuten die Untertanen ihr Ansinnen. Jetzt, da der König soviel Weisheit zeigte, könne man ihn doch weiter das Land regieren lassen.
    Das Leben in diesem Land verlief ohne Zwischenfälle, wenn es auch anders war als das der Nachbarvölker. Und der König regierte bis ans Ende seiner Tage.“

    Aus:
    „Veronika beschließt zu sterben“ von Paulo Coelho

  1. 1 Mädchenmannschaft » Blog Archive » Unbequem und solidarisch bleiben – die Blogschau Pingback am 01. September 2012 um 13:00 Uhr
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