Von Aneignungen und (Re-)Traumatisierungen

Meinen letzten Sommer (den im Jahre 2011) habe ich damit verbracht, den Sl*twalk im Ruhrgebiet mitzuorganisieren, einiges über die Bewegung und das dazugehörige, noch sehr unausgereifte, Konzept zu bloggen und noch viel mehr darüber zu lesen. Ein zentraler Punkt in all diesen Texten, Diskussionen und Blogbeiträgen war hier immer auch der Umgang mit den Begrifflichkeiten, insbesondere dem Wort Sl*t/ Schl*mp*. Ich habe damals im maedchenblog einen ziemlich langen Eintrag dazu verfasst, inwiefern der Begriff in sein Gegenteil verkehrt und zur Selbstermächtigung beitragen könnte, wenn doch nur die richtigen Personen damit anfangen würden, ihn zu gebrauchen und sich selbst damit zu bezeichnen. Heute halte ich diesen Versuch gelinde gesagt für naiv, und damit meine eigentlich unreflektiert. Klar war ich irgendwo von dem Wort betroffen, aber wenn dann traf es mich immer nur im Kollektiv (dem, der Frauen*), nie als Individuum. Der einzige Grund, die einzige Motivation, mich mit diesem Wort zu verletzen, zielte auf mein (zugeschriebenes) Geschlecht (weiblich) ab – da war nichts intersektionelles, nichts herausstechendes, was dazu führte, dass ausgerechnet ich aus diesem Kollektiv herausgegriffen und mit dem Wort, der Beleidigung, bedacht, ja beworfen wurde. Folglich fiel es mir leicht, andere dazu aufzurufen, sich selbst zu befreien, in dem sie sich ein Wort aneignen sollten, was für viele Personen mit sehr viel mehr Schmerz und Wut und Erfahrungen behaftet war und ist, als es bei mir der Fall gewesen ist.

Heute bin ich einige Schritte weiter. Ich bin mir nun im Klaren darüber, dass es auch bei mir diese Wörter gibt, die ich am liebsten nie wieder, egal in welchen Kontexten und egal von welchen Personen, hören, sehen, lesen möchte. Für mich ist es insbesondere das Wort F*tz*. Das Wort triggert mich und selbst in der gespoilerten Schreibweise möchte ich es am liebsten gar nicht hier stehen haben. Wenn ich mit dem Wort konfrontiert werde, läuft mir ein Schauer über den Rücken und ich habe das Gefühl, als würde es augenblicklich ein bisschen kühler und dunkler um mich herum werden. Ich fühle mich unwohl, weil unterbewusst so viele negative Erinnerungen und damit verbundene Gefühle in mir hervorgerufen werden, dass ich das gar nicht wegintellektualisieren kann. Und ich habe dann auch eigentlich keine Lust, mich dafür erklären zu müssen, während ich noch mit den schmerzhaften und belastenden Gefühlen und Erfahrungen kämpfen muss, die das Wort in mir hervorgerufen hat. Und das im – schlimmsten Fall – auch noch in meiner comfort zone.

Ein Jahr habe ich gebraucht um zu begreifen, weshalb bestimmte Personen im letzten Jahr den Sl*twalks ferngeblieben sind, auch wenn sie das Thema für wichtig befunden haben. Das Worte triggern können, ist mir schon lange bewusst, und auch wenn ich von Triggerwarnungen meinem Empfinden nach bis heute nicht genügend Ahnung habe (auch etwas, das ich dringend nachholen sollte), halte ich sie für enorm wichtig. Es geht darum, Leute zu schonen und zu schützen, die Scheiße erlebt haben und immer wieder erleben müssen. Es geht darum, Rücksicht auf Empfindungen zu nehmen, auch wenn mensch sie nicht teilt oder auch nur nachempfinden kann. Und nicht zuletzt ist es auch mal wieder eine Frage der Privilegien. Wenn mir ein Wort nicht weh tut, von dem ich aber weiß, dass das bei anderen Menschen der Fall ist, sollte ich mich zuallererst fragen, warum es mir nicht weh tut. Und anschließend erst reden – mit anderen! – und dann handeln. Und im Zweifelsfall auf eine Strategie, eine vermeintliche Waffe verzichten, wenn sie nicht nur die verletzt, auf die sie abzielen sollte – sondern auch oder vielleicht sogar in erster Linie die, die ich vorgeblich damit befreien oder schützen wollte.

(Danke Clara Rosa für den Denkanstoß.)


2 Antworten auf „Von Aneignungen und (Re-)Traumatisierungen“


  1. 1 Trippmadam 18. September 2012 um 16:12 Uhr

    Ich hatte selbst im letzten Jahr Vorbehalte, einerseits wegen der Bezeichnung, andererseits wegen der geplanten Kleidung einiger Teilnehmer_innen. Für mich habe ich entschieden, trotz allem teilzunehmen, wenn auch „züchtig“ in Jeans und T-shirt (übrigens die Kleidung, die ich anhatte, als ich einmal fast vergewaltigt wurde). Aber Deine Überlegungen kann ich nachvollziehen (wobei ich auch Deinen früheren Text auf der Mädchenmannschaft gar nicht naiv fand.) Danke dafür.

  2. 2 Laila 23. Oktober 2012 um 21:01 Uhr

    du spricht mir aus der seele! ich glaube es gibt einfach begriffe, die kann man nicht einfach positiv besetzten, da sie für menschen eine ganz besondere bedeutung haben können und mit erlebnissen verknüpft sind die man nicht auch schön reden kann und will.
    den rassistischen begriff n*g*r haben sich POC ebenfalls versucht anzueignen und neu zu besetzten, jedoch sieht man auch hier, dass dieser begriff trotz allem immer noch rassistisch bleibt.

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.