Gegen das Verstummen.

Über Klassismus kann ich bis heute kaum reden und es hat lange gedauert, bis ich mich überwinden konnte, darüber zu schreiben. In den letzten Tagen habe ich drei unglaublich gute, wichtige, empowernde Texte zu eigener Betroffenheit und dem Fehlen von Schutzräumen und Verbündeten gelesen. In dem letztverlinkten hat mich ein Absatz zum Weinen gebracht, etwas, was ich mir im Bezug auf dieses Thema erst viel zu selten gestattet habe. Weil ich mir das Thema selbst bisher noch viel zu selten gestattet habe. Und zwar genau aus diesem Grund:

Ich spüre, ich kann diesen Artikel eigentlich garnicht schreiben, weil es wehtut, und es so schwer ist, laut zu werden ohne biografisch zu sein und wie schwer es ist, biografisch zu sein und mir dabei nicht selbst weh zu tun.

Mir selbst weh tun. Und mich verletzbar machen. Ich bin vor ein paar Wochen das erste Mal bei einem Klassismus-Workshop gewesen und habe danach einen Text angefangen, den ich bisher weder zuende schreiben, noch veröffentlichen konnte. Weil ich in all diesen Jahren genauso zum Verstummen gebracht worden bin wie ihr. Aber ich will nicht mehr still in mich hinein leiden und meine Betroffenheit verstecken müssen. Ich habe es satt (Redewendung). Genau wie ihr, die ihr diese tollen Blogbeiträge geschrieben habt. Und mir zum ersten Mal das Gefühl gebt, dass es Menschen gibt, mit denen es ein „Wir“ geben könnte. Und zwar auch dann noch, wenn ich offenlege, wer ich bin und woher ich komme. Dass das ewige Verstecken vielleicht irgendwann ein Ende haben kann, haben könnte. Ich bin euch unsagbar dankbar dafür. Und hier ist der Text, den ich unmittelbar nach dem Workshop-Besuch geschrieben habe:

In einem Klassismus-Workshop sitzen und plötzlich Druck auf der Brust fühlen. Schwindel. Das Gefühl, hier raus zu müssen. Aber dann: die Angst aufzufallen. Sich zu outen. Geoutet zu werden. Die leise Stimme, die sich in deinem Kopf bemerkbar macht: Das kennst du. Das war bei dir genauso. Die Stimme, die so viele Jahre geschwiegen hat. Die du zum schweigen bringen wolltest, willst. Auch jetzt wieder. Schmerz. Mit Tränen kämpfen. Sich selbst fragen, wieso mensch denn jetzt so verdammt emotional reagiert. Die anderen reden hören. Über „wir“ und „die“. Wissen, dass sie dich zu „wir“ zählen. Wissen, dass du eigentlich zu „die“ gehörst. Gehört hast. Wissen, dass dein Leben ein fein gesponnenes Netz aus Lügen geworden ist. Damit du nicht auffällst. Lügen, die du irgendwann selber angefangen hast zu glauben. Das Gefühl, immer ein bisschen besser sein zu müssen als der Rest, um wie sie zu sein. Weil da etwas ist, was dir anhaftet. Was irgendwo tief in dir noch da ist. Verschüttet. Verdrängt. Weil da so viele Jahre an Erfahrungen sind, über die du nicht reden kannst. Weil da so viel Scham ist. Und Schmerz. Und Angst. Die Leute, die im autonomen Zentrum neben dir sitzen, sind doch nur eine Schnittmenge der Leute, mit denen du damals zum Gymnasium gegangen bist. Und hinter deinem Rücken, da würden sie reden. Paranoia? Oder Erfahrung? Ein Schutzschild aus Wissen, das du dir aufgebaut hast. Vokabular, einen Wortschatz. In der autonomen Linken tragen doch eh alle kaputte Klamotten. Da fällst du nicht auf. Keine*r weiß, dass du deine kaputten Schuhe nicht weiter trägst, weil es gerade irgendwie schick ist, sondern weil du kein Geld für neue hast. Unsichtbar werden. Teil von etwas werden. Und trotzdem weiter lügen müssen. Themen, die du umgehst wie einen Abgrund, in den du jederzeit wieder fallen könntest. Du balancierst am Rand. Suchst nach etwas zum Festhalten. Alle Kraft geht dafür drauf.

Auf der einen Seite ist die autonome Linke mein Rettungsanker, weil sie mir überhaupt sowas wie ein gesellschaftliches Leben ermöglicht. Weil Partys dort in der Regel keine 10€ Eintritt kosten. Getränke teilweise zum Einkaufspreis rausgegeben werden. Nicht immer Konsumzwang vorherrscht. Weil nicht von dir erwartet wird, Markenklamotten zu tragen. Oder auch nur eine breite Gaderobe zu besitzen. Oder auch nur löcherfreie Kleidung zu tragen. Für mich gibt es im Grunde keine Alternative zu dieser Szene, selbst wenn ich wollte. Und trotzdem ist sie alles andere als ein Schutz- oder Freiraum für mich. Trotzdem geht das Lügen weiter, das Verstecken. Trotzdem muss ich weiterhin so tun, als ob das einfach „mein Stil“ ist, als ob ich es mir so ausgesucht hätte. Vielleicht würde ich das ja sogar, wenn ich die Wahl hätte. Aber ich weiß es nicht, weil ich die nie gehabt habe.

Über Sexismus zu reden fällt mir so viel leichter, weil meine Betroffenheit hier offensichtlich erscheint. Und weil es nichts ist, was ein Großteil der Leute irgendwie für selbstverschuldet hält. Bei Klassismus ist das ganz anders. Entweder liegt es an meinen Eltern oder es liegt an mir. Und wenn ich mich „oute“, dann sehen die Anderen mich plötzlich in einem anderen Licht. Weil es sie überrascht. Weil sie nicht damit gerechnet hätte. Warum eigentlich nicht? Wenn ich über Dinge rede oder Dinge tue, die nicht in das stereotype Bild passen, dann bin ich „die Ausnahme“. Aber noch schlimmer ist es, über Dinge zu reden, die ins Bild passen. Denn dann haben sie mich erwischt. Dann fühle ich mich schuldig. Immer noch.

Ich will nicht mehr schweigen. Ich will reden. Aber ich will reden, mit Menschen, die mich verstehen. Und zwar nicht (nur), weil sie darüber gelesen haben. Ich will mich austauschen können, ohne die Angst, verurteilt zu werden. Ich will, dass meine Probleme und auch meine Bedenken ernst genommen werden. Dass sie nicht kleingeredet oder als Nebenproblem abgetan werden. Ich will nie wieder das Gefühl haben, mich rechtfertigen zu müssen, weil ich Klassismus zum Thema mache. Und ich will nicht die Einzige sein, die Klassismus zum Thema macht. Deshalb schließe ich mich ClaraRosa an:

Ich will euch kennenlernen! Ich will mich mit euch organisieren und gegen die Kapitalist_innen in unseren eigenen Reihen demonstrieren.

Ich will Krawall. Aber so richtig – bis wir nicht mehr weg ignoriert werden können.