»Die Scham ist vorbei.«

Weil es mir so viel gegeben hat, will ich dieses Zitat mit euch teilen:

Wirst du nun glücklich davon, von dem Feminismus, fragt jemand.
Naja, nein, manchmal, sage ich zögernd. Glücklich? Einfacher ist es sicher nicht. Wir überfordern uns regelmäßig durch unsere eigenen Ideale, bringen noch so wenig davon zustande. Sisterhood is powerful – it can kill you. Und doch können wir nur weiter vorwärts, wir können nicht mehr zurück. Auch die Abtrünnigen, die die Ideale nicht leben können, machen weiter. Auch ich mache weiter, wenn ich mich einige Zeit zurückgezogen habe, um mich zu erholen. Laßt uns Geduld miteinander haben und uns ehrlich die Dinge eingestehen, die wir noch nicht können. Aber wir sollten uns nicht schämen. Sentimental, sage ich, während ich meinen Kritikern in die Augen schaue, sicherlich, ich bin sentimental, ich weine bei Filmen. Ich verstecke meine Verletzbarkeit manchmal hinter einer dünnen Schicht Zynismus.
Überempfindlich, zu emotional, vielleicht sogar paranoid. Ich sehe, wie in grellem Scheinwerferlicht, zehnfach vergrößert, die täglichen Details meiner Unterdrückung, die täglichen Details des Schmerzes anderer Frauen. Ich habe keine Abwehr mehr dagegen, keine Scheuklappen, ich sitze mittendrin wie ein Muscheltier ohne Schale.
Selbstmitleid? Sicher. Ich kann in Selbstmitleid schwimmen, ich kann mich darin wie ein Schwein im Schlamm suhlen.
Nachtragend. Auch das.
Aber keine Scham. Die Scham ist vorbei.

Geschrieben hat es Anja Meulenbelt und zwar schon im Jahr 1976. (Ihr findet es in ihrem autobiographischen Werk »Die Scham ist vorbei. Eine persönliche Erzählung.« auf Seite 20.) Ich finde mich fast 40 Jahre später noch in jedem ihrer Worte wieder.


1 Antwort auf „»Die Scham ist vorbei.«“


  1. 1 helen.a 13. Juli 2013 um 0:55 Uhr

    Danke für das schöne Zitat. Danke für deine Artikel. Wenn ich mal nicht mehr kann, nicht mehr weiter kämpfen kann und mich von ohnmacht erdrückt fühle, weil ich gegen diese männliche macht von außen nicht ankomme aber auch nicht die möglichkeit habe, in schutzräume, flti*räume zu flüchten, in denen mich ein mensch, der weiß wovon ich spreche, in den arm nehmen kann, dann vergrabe ich mich in diese texte, bücher, blogs, von anderen schwestern*, denn dann weiß ich: wir sind viele. wir sind nicht allein.
    das wollte ich dir nur sagen, als dank dafür, dass ich deine worte und texte hier lesen kann und sie mir kraft und sicherheit schenken.

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.