Frauenkampftag – An wen erinnern wir uns?

Inhaltswarnung: Schilderung von Gewalt, Gefängnis.

Geschichte wird gemacht. Und zwar mindestens in doppelter Hinsicht. Zum einen durch Menschen, die handeln. Und zum anderen durch Menschen, die später von diesen Handlungen erzählen, sie in irgendeiner Form festhalten. Das hat viel mit Macht zu tun. Wem wird zugehört, wer kann gesellschaftliches Wissen beeinflussen? Wer hat die Macht, andere unsichtbar (werden) zu lassen? Wem wird geglaubt? Wer legt Maßstäbe fest, wer entscheidet was wichtig ist?

Dieser Beitrag legt mir sehr am Herzen und ich hatte schon lange vor, ihn zu schreiben. Er ist in gewisser Hinsicht sehr persönlich – aber in gleichem Maße auch wieder politisch. Er handelt von Alltagskämpfen, die niemals in irgendeinem Geschichtsbuch auftauchen werden. Und von Frauen, die mich mehr geprägt und beeinflusst haben, als jede andere, „namenhafte“ Feministin, von der ich bisher gehört oder gelesen habe. Er handelt von meiner Familie.

Soweit ich meine Familiengeschichte zurückverfolgen kann, waren die Frauen meiner Familie mütterlicherseits allesamt starke, widerständige und selbstbestimmte Frauen. Die Geschichten, die ich kenne, beginnen bei meiner Uroma mütterlicherseits (die ich leider nicht mehr kennenlernen durfte). Ihre vier Kinder wuchsen allesamt zur Zeit des Nationalsozialismus auf. Ab Mitte der 1930er-Jahre war es für Jugendliche zwischen 10-18 Jahren Pflicht, Mitglied in einer nationalsozialistischen Jugendorganisation zu werden (bei den Mädchen war das der „Bund deutscher Mädel“, bei den Jungen die „Hitler Jugend“). Meine Uroma weigerte sich aber beharrlich, ihre Kinder dort anzumelden, obwohl ihr wiederholt mit Strafen gedroht wurde. Letzten Endes wurde sie deshalb sogar für ein paar Wochen ins Gefängnis gesteckt. Erst als ihr bei ihrer Entlassung damit gedroht wurde, alle vier Kinder in ein Heim zu stecken, gab sie schlussendlich nach. Zuhause herrschte aber trotzdem weiterhin eine sehr ablehnende Haltung gegen alles, was mit dem Nationalsozialismus zu tun hatte. Das hat meine Oma zeitlebens geprägt. Ich habe sie nicht einmal sagen hören: „Unter Hitler war auch nicht alles schlecht“, oder ähnliche Dinge, die andere Leute in meinem Alter oftmals von ihren Großeltern kennen. Im Gegenteil – argumentierte egal wer in dieser Weise, ließ sie sich immer zu einer Diskussion hinreißen, in der sie entschieden antifaschistische Positionen vertrat. Ich denke das ist zu einem großen Teil der Erziehung meiner Uroma anzurechnen. Ich bewundere sie bis heute für ihre Courage.

Meine Oma besaß schon als Kind eine ungewöhnliche große Menge an Mut, Selbstwertgefühl und Respekt vor den eigenen Grenzen. Ihr Vater war früh gestorben und der neue Mann ihrer Mutter leider sehr gewalttätig. Er verprügelte seine Frau in regelmäßigen Abständen und schreckte auch nicht vor Gewalt gegen die Kinder zurück. Meine Oma war gerade acht oder neun Jahre alt, als er sie das erste Mal verprügeln wollte. Sie griff sofort nach dem nächstbesten Gestand zu ihrer Verteidigung – es war eine Metallstange, mit der die Kohlen im Ofen durchgerüttelt wurden – und drohte ihm damit, er solle sich ja nicht wagen sie auch nur einmal anzufassen. Er hat es nie getan. Ihr Leben lang nicht.
Später, als meine Oma älter wurde, fing sie mit dem Rauchen an. Zu der Zeit war es noch verpöhnt für Frauen, zu rauchen, und sie wurde wiederholt dafür aus Kneipen geworfen. Das hielt sie jedoch nicht davon ab – sie sah nicht ein, dass ihr nur aufgrund ihres Geschlechts etwas verwehrt bleiben sollte, was Männern erlaubt war.
Auch später geriet sie mit Rollenbildern in Konflikt; in ihrem Umfeld war es noch selbstverständlich, dass die Frau den Mann komplett ver- und umsorgte. Für meine Oma hatte das jedoch Grenzen. Sie weigerte sich beispielsweise, meinem Opa Brote für die Arbeit zu schmieren. Als sie dafür kritisiert wurde, soll sie geantwortet haben: „Selbst meine Töchter schmieren sich ihre Schulbrote selbst, dann kann ein erwachsener Mann das ja wohl auch“.

Aufgewachsen mit dem guten Vorbild meiner Oma war meine Mutter die erste Frau meiner Familie, die sich bewusst mit feministischen Inhalten beschäftigte. Als Kind einer klassischen Arbeiter*innenfamilie (ihr Vater hatte unter Tage im Bergbau gearbeitet, ihre Mutter Geld durch Putzstellen dazu verdient), schaffte sie es über die Gesamtschule bis zum Abitur. Trotzdem machte sie im Anschluss daran zunächst eine Ausbildung zur Erzieherin. Als sie meinten Vater kennenlernte, stand für die beiden irgendwann fest, dass sie Kinder haben wollten. Mein Vater hatte einen Hauptschulabschluss und eine Ausbildung als Koch, arbeitete aber inzwischen in einer Schreinerei. Die beiden glaubten, dass meiner Mutter durch das abgeschlossene Abitur weitere Türen offenstehen würden und hatten die Hoffnung, dass sie nach einem abgeschlossen Studium einen guten Familienlohn verdienen könnte. Mein Vater sollte zuhause bei uns Kindern bleiben und sich um den Haushalt kümmern, meine Mutter das Geld verdienen – so war zumindest der Plan. Meiner Mutter gefiel diese Vorstellung, eine klassische Familie oder gar Ehe wäre für sie nicht in Frage gekommen. So lehnte sie auch zwei Heiratsanträge meines Vaters ab – sie sagt sie wollte keinem anderen Menschen gehören, auch nicht auf dem Papier.
Während ihres Studiums kamen dann mein Bruder und ich zur Welt und noch bevor sie ihr Diplom hatte, stellte sich für meine Mutter heraus, dass das Leben mit meinem Vater nicht das war, was sie sich vorgestellt hatte – oder uns Kindern zumuten wollte (es gab einige Probleme, auf die ich hier nicht näher eingehen möchte). Sie beschloss, sich zu trennen, auch auf die Gefahr hin, bei ihrem Studienabschluss als alleinerziehende Mutter darzustehen. Alleinerziehende Mütter haben ohnehin mit das größte Armutsriskio in unserer Gesellschaft, meine Mutter war noch dazu Berufsanfängerin, ihre Kinder erst ein paar Jahre alt und sie hatte keinerlei berufliche Kontakte. Von diesem Zeitpunkt an begann unser Leben in relativer Armut mit wiederholten (teilweise langen) Phasen von Arbeitslosigkeit. Meine Mutter hat ihre Entscheidung trotzdem nicht bereut.
Mein Vater begann in den Folgejahren eine immer kleinere Rolle in unserem Leben zu spielen, mein Bruder und ich wurden von meiner Mutter und ihrer Mutter großgezogen. Meine Mutter eignete sich in dieser Zeit alle Fähigkeiten an, die es braucht, um einen (Familien-)Haushalt – ohne großartige finanzielle Mittel – am Laufen zu halten. Egal ob es um Reperaturen ging (von Möbelstücken über Waschmaschinen bishin zu Autos), Kochen, das Schleppen schwerer Gegenstände (zB bei Umzügen) oder sämtlichen Papierkram – meine Mutter ist bis heute ein absolutes Allroundtalent. Ihr war und ist es sehr wichtig, niemals von anderen Menschen abhängig zu sein. Und bis heute hat sie das auch sehr gut geschafft.

Wofür ich diese Frauen bewundere, ist dass ihnen ihre Vorstellungen vom guten, vom richtigen Leben wichtiger waren als ein vermeintlich bequemerer, gesellschaftlich akzeptierterer Lebensweg. Sie gingen Risiken ein, gaben Dinge auf oder setzten sie zumindest aufs Spiel, weil sie für ihre Überzeugen einstanden – und im Falle meiner Mutter auch bis heute einstehen. Keine dieser drei Frauen hatte die Ressourcen, sich politisch zu organisieren, und doch gestaltete jede von ihnen ihren Alltag in einem in meinen Augen hoch politischen Maße. Alltagskämpfe sind sicher nicht einfacher als organisiertere, öffentlichere Formen von Widerstand. Sie werden aber in der Regel weniger gewürdigt. Um dem etwas entgegen zu setzen und andere Formen von Widerstand sichtbar zu machen als die, die an Tagen wie diesen ohnehin durch verschiedene Medien gehen, ist es mir wichtig, von meinen Heldinnen des Alltags zu erzählen. Ihr könnt euch in den Kommentaren gerne anschließen. Es muss sich dabei natürlich nicht um Menschen handeln, mit denen ihr (bluts-)verwandt seid. Es kann auch eine Nachbar*in, Betreuer*in, Lehrer*in, Freund*in – oder wer auch immer euch sonst beeindruckt und/ oder beeinflusst hat – sein. Ich bin gespannt auf eure Geschichten.


1 Antwort auf „Frauenkampftag – An wen erinnern wir uns?“


  1. 1 Mädchenmannschaft » Blog Archive » Frauenkampftag, verkannte Solidarität und Speakerinnen – die Blogschau Pingback am 08. März 2014 um 15:01 Uhr
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