Archiv der Kategorie 'Klassismus'

Frauenkampftag – An wen erinnern wir uns?

Inhaltswarnung: Schilderung von Gewalt, Gefängnis.

Geschichte wird gemacht. Und zwar mindestens in doppelter Hinsicht. Zum einen durch Menschen, die handeln. Und zum anderen durch Menschen, die später von diesen Handlungen erzählen, sie in irgendeiner Form festhalten. Das hat viel mit Macht zu tun. Wem wird zugehört, wer kann gesellschaftliches Wissen beeinflussen? Wer hat die Macht, andere unsichtbar (werden) zu lassen? Wem wird geglaubt? Wer legt Maßstäbe fest, wer entscheidet was wichtig ist?

Dieser Beitrag legt mir sehr am Herzen und ich hatte schon lange vor, ihn zu schreiben. Er ist in gewisser Hinsicht sehr persönlich – aber in gleichem Maße auch wieder politisch. Er handelt von Alltagskämpfen, die niemals in irgendeinem Geschichtsbuch auftauchen werden. Und von Frauen, die mich mehr geprägt und beeinflusst haben, als jede andere, „namenhafte“ Feministin, von der ich bisher gehört oder gelesen habe. (mehr…)

Von Träumen und Talenten: Gedankenwirrwarr

In einigen Ecken des Internets hat es sich schon herumgesprochen: November heißt für viele Menschen NaNoWriMo, oder auch National Novel Writing Month (übersetzt etwa: Nationaler Monat des Romanschreibens). In verschiedenen Gegenden weltweit nehmen Menschen sich vor, in den 30 Novembertagen einen Roman von mindestens 50.000 Wörtern zu schreiben. Dieses Jahr bin auch ich zum ersten Mal mit dabei.

Auf die Idee gekommen bin ich durch einen Kurs an meiner Uni. Ich studiere zwar Sozialwissenschaften, habe jedoch vor einigen Semestern1 damit begonnen, regelmäßig im Optionalbereich2 Seminare zu besuchen, die etwas mit kreativem Schreiben zu tun haben, auch wenn ich sie mir für mein Studium nicht (mehr) anrechnen lassen kann. In gewisser Hinsicht ist das mein Kompromiss, ich hatte nämlich eigentlich nie vor, Sozialwissenschaften zu studieren.

So weit ich zurück denken kann, zieht sich das kreative Erzählen wie ein roter Faden durch mein Leben. Bevor ich schreiben gelernt habe, waren es Bilderbücher, die ich in mühsamer Kleinstarbeit über Tage hinweg angefertigt habe. Als ich dann eingeschult wurde, kam mehr und mehr Text dazu, die Bilder standen nicht mehr nur für sich, sondern wurden durch kurze Textstücke ergänzt. Irgendwann sind die Bilder verschwunden und ich habe Kurzgeschichten und Aufsätze geschrieben. In der Pubertät waren es dann, ziemlich klassisch, Gedichte und Tagebucheinträge, in denen ich das, was mich gerade beschäftigt hat, verarbeitet habe. Schreiben war immer Selbstzweck für mich und gleichzeitig die einzige gesunde/ produktive Form der Problem- und Gedankenverarbeitung, die mir bekannt war und möglich schien.

Zeitgleich habe ich wahnsinnig viel gelesen, zu jeder Zeit meines Lebens. Noch bevor wir selbst lesen konnten, hatte meine Mutter uns einen Ausweis für die Kinderbücherei anfertigen lassen. Wir sind so oft dort gewesen, dass ich irgendwann mit geschlossenen Augen auf die Regale zugehen konnte, weil ich genau wusste wo welches Buch steht. Die Büchereibesuche sind bei uns zum Ritual geworden; freitags, vor dem Wochenende, hat meine Mutter sich mehrere Stofftaschen zusammengesucht, denn ich konnte nie mit nur einem Buch nachhause gehen, und habe oft an einem Wochenende gleich mehrere hintereinander weg gelesen. Es gab Zeiten, da hätte ich jede Geschichte, in der ein Hund oder ein Pferd vorkam, aus dem Stehgreif erzählen können, weil ich den Büchereibestand buchstäblich in und auswendig kannte.

Aber auch für meine Großeltern und Eltern haben Bücher seit jeher eine große Rolle gespielt, sowohl für die Arbeiter*innen- wie auch für die Armutsklassen-Seite. Und wenn ich darüber nachdenke, kann ich das auch gut nachvollziehen; Bücher waren für sie eine Möglichkeit, sich wegzudenken, aus einem Leben, das ihnen nicht viel zu bieten hatte und von dem sie noch weniger erwarteten. Bücher waren Auszeiten, Weltfluchten; für einen Moment konnten sie die Begrenzungen, denen ihre Leben im Hier und Jetzt ausgesetzt waren, vergessen. Meine Oma aus der Armutsklasse hat beispielsweise viel über ferne Länder gelesen, sie hatte nie die Chance zu reisen und das war ihre einzige Möglichkeit, ein bisschen mehr von der Welt kennenzulernen. Ein paar Jahre, bevor sie gestorben ist, hat sie mir das genau so gesagt. Ich erinnere mich noch, dass sie zu der Zeit ein Buch über Alaska gelesen hat, das sie sich aus der Bücherei in ihrem Altenzentrum ausgeliehen hatte. Bei ihrer Grabrede im März diesen Jahres hat eine ihrer Töchter gesagt, dass dies das einzige sei, was meine Oma all ihren Nachkommen vererbt hätte: die unstillbare Liebe zu Büchern. Und es stimmt. Meine Familie hat Bücher nicht gelesen, um sich das anzueignen, was in Deutschland allgemein als „Bildung“ bezeichnet wird. Für sie war es viel existenzieller. Bücher waren für sie keine Prestigeobjekte, sie waren Überlebenswerkzeuge. (mehr…)

Gegen das Verstummen.

Über Klassismus kann ich bis heute kaum reden und es hat lange gedauert, bis ich mich überwinden konnte, darüber zu schreiben. In den letzten Tagen habe ich drei unglaublich gute, wichtige, empowernde Texte zu eigener Betroffenheit und dem Fehlen von Schutzräumen und Verbündeten gelesen. In dem letztverlinkten hat mich ein Absatz zum Weinen gebracht, etwas, was ich mir im Bezug auf dieses Thema erst viel zu selten gestattet habe. Weil ich mir das Thema selbst bisher noch viel zu selten gestattet habe. Und zwar genau aus diesem Grund:

Ich spüre, ich kann diesen Artikel eigentlich garnicht schreiben, weil es wehtut, und es so schwer ist, laut zu werden ohne biografisch zu sein und wie schwer es ist, biografisch zu sein und mir dabei nicht selbst weh zu tun.

Mir selbst weh tun. Und mich verletzbar machen. Ich bin vor ein paar Wochen das erste Mal bei einem Klassismus-Workshop gewesen und habe danach einen Text angefangen, den ich bisher weder zuende schreiben, noch veröffentlichen konnte. Weil ich in all diesen Jahren genauso zum Verstummen gebracht worden bin wie ihr. Aber ich will nicht mehr still in mich hinein leiden und meine Betroffenheit verstecken müssen. Ich habe es satt (Redewendung). Genau wie ihr, die ihr diese tollen Blogbeiträge geschrieben habt. Und mir zum ersten Mal das Gefühl gebt, dass es Menschen gibt, mit denen es ein „Wir“ geben könnte. Und zwar auch dann noch, wenn ich offenlege, wer ich bin und woher ich komme. Dass das ewige Verstecken vielleicht irgendwann ein Ende haben kann, haben könnte. Ich bin euch unsagbar dankbar dafür. Und hier ist der Text, den ich unmittelbar nach dem Workshop-Besuch geschrieben habe: (mehr…)

Über Geld reden.

Über Geld redet mensch nicht – das ist eine Aussage, die eine*r sich erstmal leisten können muss. Über Geld nicht reden zu müssen, bedeutet genug zu haben, um deinen Freund*innen nicht erklären zu müssen, dass du wieder nicht mit auf die Party/ in den Urlaub/ zum dem Theaterstück gehen kannst, weil du eben kein Geld hast. Es bedeutet, andere nicht danach fragen bzw. darum bitten zu müssen, dir welches zu leihen, weil du sonst nicht weißt, wie du die Tierarztbehandlung für deinen Hund oder die nächste Stromrechnung bezahlen sollst. Es bedeutet, dass du dich nicht mit anderen (Wahl)Familienmitglieder absprechen musst, bevor du dir den Luxus von Kosmetikprodukten „gönnst“, weil erst mal feststehen muss, dass auch danach noch genug Geld für Grundnahrungsmittel übrig ist. Es bedeutet, den Leuten aus der Universitätsverwaltung nicht erklären zu müssen, dass du den Semesterbeitrag wieder nicht rechtzeitig überweisen konntest, weil du verdammt nochmal nicht wusstest, wo du das Geld hernehmen solltest. Es bedeutet noch viel, viel mehr. Aber das hier sind meine Erfahrungen. Ihr könnt in den Kommentaren gerne ergänzen. (mehr…)

Eintrittskarte zum Elfenbeinturm

Ich habe in den letzten Monate eine sehr merkwürdige Entwicklung durchgemacht. Auf der einen Seite habe ich mich auf einer theoretischen Ebene verstärkt mit Klassismus auseinandergesetzt, auf der anderen Seite gehe ich seit ein paar Wochen wieder zur Uni und erlebe dort tagtäglich Selbstdarstellerei und einen übermäßigen Gebrauch von Fachbegriffen. Das hat mich schon immer irgendwie gestört, aber bisher habe ich den Fehler eher bei mir gesucht; DU weißt noch nicht genug, DU bist nicht klug genug, DU lernst nicht genug für die Uni, DU bist hier vielleicht sogar letzten Endes fehl am Platz (RW: Redewendung). Ich gehe inzwischen seit knapp zwei Jahren wieder zur Uni und habe in dieser Zeit natürlich viel gelernt. Ich weiß, was von mir dort erwartet wird, ich kenne die Umgangsformen und viele der Begriffe. Ich kann mich einigermaßen zurecht finden im Fachjargon, kann auch selbst mit Begriffen und Theorien um mich schmeißen, wenn mir danach ist. Ich habe mich angepasst. Ich bin nicht mehr ganz so sehr draußen, sondern werde immer mehr zur (Mit-)Wissenden. Die Eintrittskarte zum Elfenbeinturm1 liegt in meinen Händen (RW). (mehr…)