Archiv der Kategorie 'Privilegien'

Von Träumen und Talenten: Gedankenwirrwarr

In einigen Ecken des Internets hat es sich schon herumgesprochen: November heißt für viele Menschen NaNoWriMo, oder auch National Novel Writing Month (übersetzt etwa: Nationaler Monat des Romanschreibens). In verschiedenen Gegenden weltweit nehmen Menschen sich vor, in den 30 Novembertagen einen Roman von mindestens 50.000 Wörtern zu schreiben. Dieses Jahr bin auch ich zum ersten Mal mit dabei.

Auf die Idee gekommen bin ich durch einen Kurs an meiner Uni. Ich studiere zwar Sozialwissenschaften, habe jedoch vor einigen Semestern1 damit begonnen, regelmäßig im Optionalbereich2 Seminare zu besuchen, die etwas mit kreativem Schreiben zu tun haben, auch wenn ich sie mir für mein Studium nicht (mehr) anrechnen lassen kann. In gewisser Hinsicht ist das mein Kompromiss, ich hatte nämlich eigentlich nie vor, Sozialwissenschaften zu studieren.

So weit ich zurück denken kann, zieht sich das kreative Erzählen wie ein roter Faden durch mein Leben. Bevor ich schreiben gelernt habe, waren es Bilderbücher, die ich in mühsamer Kleinstarbeit über Tage hinweg angefertigt habe. Als ich dann eingeschult wurde, kam mehr und mehr Text dazu, die Bilder standen nicht mehr nur für sich, sondern wurden durch kurze Textstücke ergänzt. Irgendwann sind die Bilder verschwunden und ich habe Kurzgeschichten und Aufsätze geschrieben. In der Pubertät waren es dann, ziemlich klassisch, Gedichte und Tagebucheinträge, in denen ich das, was mich gerade beschäftigt hat, verarbeitet habe. Schreiben war immer Selbstzweck für mich und gleichzeitig die einzige gesunde/ produktive Form der Problem- und Gedankenverarbeitung, die mir bekannt war und möglich schien.

Zeitgleich habe ich wahnsinnig viel gelesen, zu jeder Zeit meines Lebens. Noch bevor wir selbst lesen konnten, hatte meine Mutter uns einen Ausweis für die Kinderbücherei anfertigen lassen. Wir sind so oft dort gewesen, dass ich irgendwann mit geschlossenen Augen auf die Regale zugehen konnte, weil ich genau wusste wo welches Buch steht. Die Büchereibesuche sind bei uns zum Ritual geworden; freitags, vor dem Wochenende, hat meine Mutter sich mehrere Stofftaschen zusammengesucht, denn ich konnte nie mit nur einem Buch nachhause gehen, und habe oft an einem Wochenende gleich mehrere hintereinander weg gelesen. Es gab Zeiten, da hätte ich jede Geschichte, in der ein Hund oder ein Pferd vorkam, aus dem Stehgreif erzählen können, weil ich den Büchereibestand buchstäblich in und auswendig kannte.

Aber auch für meine Großeltern und Eltern haben Bücher seit jeher eine große Rolle gespielt, sowohl für die Arbeiter*innen- wie auch für die Armutsklassen-Seite. Und wenn ich darüber nachdenke, kann ich das auch gut nachvollziehen; Bücher waren für sie eine Möglichkeit, sich wegzudenken, aus einem Leben, das ihnen nicht viel zu bieten hatte und von dem sie noch weniger erwarteten. Bücher waren Auszeiten, Weltfluchten; für einen Moment konnten sie die Begrenzungen, denen ihre Leben im Hier und Jetzt ausgesetzt waren, vergessen. Meine Oma aus der Armutsklasse hat beispielsweise viel über ferne Länder gelesen, sie hatte nie die Chance zu reisen und das war ihre einzige Möglichkeit, ein bisschen mehr von der Welt kennenzulernen. Ein paar Jahre, bevor sie gestorben ist, hat sie mir das genau so gesagt. Ich erinnere mich noch, dass sie zu der Zeit ein Buch über Alaska gelesen hat, das sie sich aus der Bücherei in ihrem Altenzentrum ausgeliehen hatte. Bei ihrer Grabrede im März diesen Jahres hat eine ihrer Töchter gesagt, dass dies das einzige sei, was meine Oma all ihren Nachkommen vererbt hätte: die unstillbare Liebe zu Büchern. Und es stimmt. Meine Familie hat Bücher nicht gelesen, um sich das anzueignen, was in Deutschland allgemein als „Bildung“ bezeichnet wird. Für sie war es viel existenzieller. Bücher waren für sie keine Prestigeobjekte, sie waren Überlebenswerkzeuge. (mehr…)

Von Aneignungen und (Re-)Traumatisierungen

Meinen letzten Sommer (den im Jahre 2011) habe ich damit verbracht, den Sl*twalk im Ruhrgebiet mitzuorganisieren, einiges über die Bewegung und das dazugehörige, noch sehr unausgereifte, Konzept zu bloggen und noch viel mehr darüber zu lesen. Ein zentraler Punkt in all diesen Texten, Diskussionen und Blogbeiträgen war hier immer auch der Umgang mit den Begrifflichkeiten, insbesondere dem Wort Sl*t/ Schl*mp*. Ich habe damals im maedchenblog einen ziemlich langen Eintrag dazu verfasst, inwiefern der Begriff in sein Gegenteil verkehrt und zur Selbstermächtigung beitragen könnte, wenn doch nur die richtigen Personen damit anfangen würden, ihn zu gebrauchen und sich selbst damit zu bezeichnen. Heute halte ich diesen Versuch gelinde gesagt für naiv, und damit meine eigentlich unreflektiert. Klar war ich irgendwo von dem Wort betroffen, aber wenn dann traf es mich immer nur im Kollektiv (dem, der Frauen*), nie als Individuum. Der einzige Grund, die einzige Motivation, mich mit diesem Wort zu verletzen, zielte auf mein (zugeschriebenes) Geschlecht (weiblich) ab – da war nichts intersektionelles, nichts herausstechendes, was dazu führte, dass ausgerechnet ich aus diesem Kollektiv herausgegriffen und mit dem Wort, der Beleidigung, bedacht, ja beworfen wurde. Folglich fiel es mir leicht, andere dazu aufzurufen, sich selbst zu befreien, in dem sie sich ein Wort aneignen sollten, was für viele Personen mit sehr viel mehr Schmerz und Wut und Erfahrungen behaftet war und ist, als es bei mir der Fall gewesen ist. (mehr…)

Die Brille.

Irgendwann hat in meinem Leben ein Prozess begonnen, der gemeinhin als Politisierung bezeichnet wird. Ich finde inzwischen das Wort Sensibilisierung passender. Im Laufe dieses Prozesses hat sich meine Sicht auf die Welt verändert, ich habe in gewisser Weise die Brillengläser gewechselt. Oder gereinigt. Mein Blick ist klarer, die rosarote Farbe abgeblättert. Ich laufe nicht mehr mit Scheuklappen durch die Welt (oder zumindest nicht mehr mit so großen), ich sehe jetzt auch die Dinge und die Menschen am Rand. Was bleibt ist ein unverstellter Blick auf eine gesellschaftliche Realität, angesichts derer ich mir am liebsten gleich komplett die Augen zuhalten würde. Das Schlimme ist, dass ich in der Regel von Menschen umgeben bin, die all das nicht wahrnehmen und mich für verrückt erklären. Die mir weismachen wollen, ich würde Dinge sehen, ja sehen wollen, die gar nicht da sind. Die aufhören, mich ernst zu nehmen und sich angegriffen fühlen, wenn ich meinerseits versuche, ihr Weltbild in ein anderes Licht zu rücken. Die sich eigentlich ganz wohl fühlen in einem System, dass es ihnen ermöglicht all das nicht erkennen zu müssen und trotzdem nicht zu stolpern. Als ob es ihnen egal wäre, worüber sie steigen, so lange sie nicht fallen. (mehr…)

Kann ich aufhören zu sein, was Andere in mir sehen?

Ich befasse mich jetzt schon etwas länger mit Selbstpositionierungen, Privilegien und allem was dazu gehört. Natürlich habe ich mir in diesem Zusammenhang oft die Frage gestellt, wo ich mich selbst verorte bzw. wie ich von Anderen gelesen werde. Ich bin mir bewusst, dass mir vielfach Privilegien zuteil werden, von denen ich in den meisten Fällen behaupte, ich würde sie gar nicht haben wollen, obwohl mein Alltag dadurch wesentlich einfacher ist. Oftmals nehme ich sie noch nicht mal als Privilegien wahr, weil sie für mich Normalität sind, meine ganz persönliche gesellschaftliche Realität darstellen. Wenn mir dann Personen, denen diese Privilegien nicht zuteil werden, aus ihrem Leben, von ihrem Blickwinkel aus, erzählen, bin ich schockiert. Ich fühle mich dann oft schuldig und würde am liebsten „die Seiten wechseln“, weil das einfacher erscheint, als mich immer wieder selbst zu hinterfragen, und auf jeden Fall weniger schmerzhaft, weil ich mich doch so gerne zu „den Guten“ zählen würde. Auch hier. Und ich weiß, dass ich nicht die einzige bin, der es so geht. (mehr…)

Deine Privilegien, deine Verantwortung.

In der letzten Zeit habe ich eine Menge toller Blogbeiträge gelesen, die mir gerade allesamt aus der Seele sprechen und die Gründe für meine aktuelle Politikverdrossenheit wunderbar in Worte fassen. Da wäre zum Beispiel Helga von der Mädchenmannschaft, die davon schreibt, dass sie keine Lust mehr hat, für Selbstverständlichkeiten zu applaudieren; oder Steve, der in einem Gastbeitrag für das goodmenproject erklärt, warum er aus der Position eines Schwarzen nicht mehr über race sprechen wird; außerdem anarchie & lihbe, die keine Lust auf Whiteboys hat, die bei Frauen*/ Feministinnen Zuflucht vor dem bösen Patriarchat suchen; weiter eine Gruppe von People of Color, die via der braune Mob e.V. einen offenen Brief an das Dresden Nazifrei-Bündnis veröffentlicht hat; Nadine von der Mädchenmannschaft, die erklärt, warum nur bestimmte Menschen über sexistische Witze lachen können; und nicht zuletzt Sookee, die in dem tollen Lied „Einige meiner besten Freunde sind Männer“ das Ausleben von männlichen Privilegien innerhalb der sogenannten linken Szene thematisiert. Danke, danke, danke. Ohne Beiträge wie die euren wären viele Tage noch um einiges grauer.

Alle diese Beiträge haben etwas gemeinsam: sie sind aus der Position von gesellschaftlichen Minderheiten geschrieben. Von Personen, die es satt haben, in einer oder sogar mehreren Bewegungen aktiv zu sein, die sich selbst als emanzipatorisch begreifen, aber die eigenen Privilegien und die eigene Sprecher*innenposition viel zu oft nicht mal ansatzweise reflektieren. Ich teile diese Position und auch diese Erfahrungen. (mehr…)