viruletta. http://viruletta.blogsport.de Tue, 20 Jan 2015 18:04:28 +0000 http://wordpress.org/?v=1.5.1.2 en Neues Zuhause im Netz http://viruletta.blogsport.de/2015/01/20/neues-zuhause-im-netz/ http://viruletta.blogsport.de/2015/01/20/neues-zuhause-im-netz/#comments Tue, 20 Jan 2015 18:03:36 +0000 viruletta Allgemein http://viruletta.blogsport.de/2015/01/20/neues-zuhause-im-netz/ Ich hab mich durch das bloggen bei der Mädchenmannschaft an den Wordpress-Luxus gewöhnt.

Deshalb geht es ab jetzt hier weiter:

https://viruletta.wordpress.com/

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Frauenkampftag – An wen erinnern wir uns? http://viruletta.blogsport.de/2014/03/08/frauenkampftag-an-wen-erinnern-wir-uns/ http://viruletta.blogsport.de/2014/03/08/frauenkampftag-an-wen-erinnern-wir-uns/#comments Sat, 08 Mar 2014 09:51:36 +0000 viruletta Klassismus Feminismus (Alltags-)Kämpfe http://viruletta.blogsport.de/2014/03/08/frauenkampftag-an-wen-erinnern-wir-uns/ Inhaltswarnung: Schilderung von Gewalt, Gefängnis.

Geschichte wird gemacht. Und zwar mindestens in doppelter Hinsicht. Zum einen durch Menschen, die handeln. Und zum anderen durch Menschen, die später von diesen Handlungen erzählen, sie in irgendeiner Form festhalten. Das hat viel mit Macht zu tun. Wem wird zugehört, wer kann gesellschaftliches Wissen beeinflussen? Wer hat die Macht, andere unsichtbar (werden) zu lassen? Wem wird geglaubt? Wer legt Maßstäbe fest, wer entscheidet was wichtig ist?

Dieser Beitrag legt mir sehr am Herzen und ich hatte schon lange vor, ihn zu schreiben. Er ist in gewisser Hinsicht sehr persönlich – aber in gleichem Maße auch wieder politisch. Er handelt von Alltagskämpfen, die niemals in irgendeinem Geschichtsbuch auftauchen werden. Und von Frauen, die mich mehr geprägt und beeinflusst haben, als jede andere, „namenhafte“ Feministin, von der ich bisher gehört oder gelesen habe. Er handelt von meiner Familie.

Soweit ich meine Familiengeschichte zurückverfolgen kann, waren die Frauen meiner Familie mütterlicherseits allesamt starke, widerständige und selbstbestimmte Frauen. Die Geschichten, die ich kenne, beginnen bei meiner Uroma mütterlicherseits (die ich leider nicht mehr kennenlernen durfte). Ihre vier Kinder wuchsen allesamt zur Zeit des Nationalsozialismus auf. Ab Mitte der 1930er-Jahre war es für Jugendliche zwischen 10-18 Jahren Pflicht, Mitglied in einer nationalsozialistischen Jugendorganisation zu werden (bei den Mädchen war das der „Bund deutscher Mädel“, bei den Jungen die „Hitler Jugend“). Meine Uroma weigerte sich aber beharrlich, ihre Kinder dort anzumelden, obwohl ihr wiederholt mit Strafen gedroht wurde. Letzten Endes wurde sie deshalb sogar für ein paar Wochen ins Gefängnis gesteckt. Erst als ihr bei ihrer Entlassung damit gedroht wurde, alle vier Kinder in ein Heim zu stecken, gab sie schlussendlich nach. Zuhause herrschte aber trotzdem weiterhin eine sehr ablehnende Haltung gegen alles, was mit dem Nationalsozialismus zu tun hatte. Das hat meine Oma zeitlebens geprägt. Ich habe sie nicht einmal sagen hören: „Unter Hitler war auch nicht alles schlecht“, oder ähnliche Dinge, die andere Leute in meinem Alter oftmals von ihren Großeltern kennen. Im Gegenteil – argumentierte egal wer in dieser Weise, ließ sie sich immer zu einer Diskussion hinreißen, in der sie entschieden antifaschistische Positionen vertrat. Ich denke das ist zu einem großen Teil der Erziehung meiner Uroma anzurechnen. Ich bewundere sie bis heute für ihre Courage.

Meine Oma besaß schon als Kind eine ungewöhnliche große Menge an Mut, Selbstwertgefühl und Respekt vor den eigenen Grenzen. Ihr Vater war früh gestorben und der neue Mann ihrer Mutter leider sehr gewalttätig. Er verprügelte seine Frau in regelmäßigen Abständen und schreckte auch nicht vor Gewalt gegen die Kinder zurück. Meine Oma war gerade acht oder neun Jahre alt, als er sie das erste Mal verprügeln wollte. Sie griff sofort nach dem nächstbesten Gestand zu ihrer Verteidigung – es war eine Metallstange, mit der die Kohlen im Ofen durchgerüttelt wurden – und drohte ihm damit, er solle sich ja nicht wagen sie auch nur einmal anzufassen. Er hat es nie getan. Ihr Leben lang nicht.
Später, als meine Oma älter wurde, fing sie mit dem Rauchen an. Zu der Zeit war es noch verpöhnt für Frauen, zu rauchen, und sie wurde wiederholt dafür aus Kneipen geworfen. Das hielt sie jedoch nicht davon ab – sie sah nicht ein, dass ihr nur aufgrund ihres Geschlechts etwas verwehrt bleiben sollte, was Männern erlaubt war.
Auch später geriet sie mit Rollenbildern in Konflikt; in ihrem Umfeld war es noch selbstverständlich, dass die Frau den Mann komplett ver- und umsorgte. Für meine Oma hatte das jedoch Grenzen. Sie weigerte sich beispielsweise, meinem Opa Brote für die Arbeit zu schmieren. Als sie dafür kritisiert wurde, soll sie geantwortet haben: „Selbst meine Töchter schmieren sich ihre Schulbrote selbst, dann kann ein erwachsener Mann das ja wohl auch“.

Aufgewachsen mit dem guten Vorbild meiner Oma war meine Mutter die erste Frau meiner Familie, die sich bewusst mit feministischen Inhalten beschäftigte. Als Kind einer klassischen Arbeiter*innenfamilie (ihr Vater hatte unter Tage im Bergbau gearbeitet, ihre Mutter Geld durch Putzstellen dazu verdient), schaffte sie es über die Gesamtschule bis zum Abitur. Trotzdem machte sie im Anschluss daran zunächst eine Ausbildung zur Erzieherin. Als sie meinten Vater kennenlernte, stand für die beiden irgendwann fest, dass sie Kinder haben wollten. Mein Vater hatte einen Hauptschulabschluss und eine Ausbildung als Koch, arbeitete aber inzwischen in einer Schreinerei. Die beiden glaubten, dass meiner Mutter durch das abgeschlossene Abitur weitere Türen offenstehen würden und hatten die Hoffnung, dass sie nach einem abgeschlossen Studium einen guten Familienlohn verdienen könnte. Mein Vater sollte zuhause bei uns Kindern bleiben und sich um den Haushalt kümmern, meine Mutter das Geld verdienen – so war zumindest der Plan. Meiner Mutter gefiel diese Vorstellung, eine klassische Familie oder gar Ehe wäre für sie nicht in Frage gekommen. So lehnte sie auch zwei Heiratsanträge meines Vaters ab – sie sagt sie wollte keinem anderen Menschen gehören, auch nicht auf dem Papier.
Während ihres Studiums kamen dann mein Bruder und ich zur Welt und noch bevor sie ihr Diplom hatte, stellte sich für meine Mutter heraus, dass das Leben mit meinem Vater nicht das war, was sie sich vorgestellt hatte – oder uns Kindern zumuten wollte (es gab einige Probleme, auf die ich hier nicht näher eingehen möchte). Sie beschloss, sich zu trennen, auch auf die Gefahr hin, bei ihrem Studienabschluss als alleinerziehende Mutter darzustehen. Alleinerziehende Mütter haben ohnehin mit das größte Armutsriskio in unserer Gesellschaft, meine Mutter war noch dazu Berufsanfängerin, ihre Kinder erst ein paar Jahre alt und sie hatte keinerlei berufliche Kontakte. Von diesem Zeitpunkt an begann unser Leben in relativer Armut mit wiederholten (teilweise langen) Phasen von Arbeitslosigkeit. Meine Mutter hat ihre Entscheidung trotzdem nicht bereut.
Mein Vater begann in den Folgejahren eine immer kleinere Rolle in unserem Leben zu spielen, mein Bruder und ich wurden von meiner Mutter und ihrer Mutter großgezogen. Meine Mutter eignete sich in dieser Zeit alle Fähigkeiten an, die es braucht, um einen (Familien-)Haushalt – ohne großartige finanzielle Mittel – am Laufen zu halten. Egal ob es um Reperaturen ging (von Möbelstücken über Waschmaschinen bishin zu Autos), Kochen, das Schleppen schwerer Gegenstände (zB bei Umzügen) oder sämtlichen Papierkram – meine Mutter ist bis heute ein absolutes Allroundtalent. Ihr war und ist es sehr wichtig, niemals von anderen Menschen abhängig zu sein. Und bis heute hat sie das auch sehr gut geschafft.

Wofür ich diese Frauen bewundere, ist dass ihnen ihre Vorstellungen vom guten, vom richtigen Leben wichtiger waren als ein vermeintlich bequemerer, gesellschaftlich akzeptierterer Lebensweg. Sie gingen Risiken ein, gaben Dinge auf oder setzten sie zumindest aufs Spiel, weil sie für ihre Überzeugen einstanden – und im Falle meiner Mutter auch bis heute einstehen. Keine dieser drei Frauen hatte die Ressourcen, sich politisch zu organisieren, und doch gestaltete jede von ihnen ihren Alltag in einem in meinen Augen hoch politischen Maße. Alltagskämpfe sind sicher nicht einfacher als organisiertere, öffentlichere Formen von Widerstand. Sie werden aber in der Regel weniger gewürdigt. Um dem etwas entgegen zu setzen und andere Formen von Widerstand sichtbar zu machen als die, die an Tagen wie diesen ohnehin durch verschiedene Medien gehen, ist es mir wichtig, von meinen Heldinnen des Alltags zu erzählen. Ihr könnt euch in den Kommentaren gerne anschließen. Es muss sich dabei natürlich nicht um Menschen handeln, mit denen ihr (bluts-)verwandt seid. Es kann auch eine Nachbar*in, Betreuer*in, Lehrer*in, Freund*in – oder wer auch immer euch sonst beeindruckt und/ oder beeinflusst hat – sein. Ich bin gespannt auf eure Geschichten.

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Von Träumen und Talenten: Gedankenwirrwarr http://viruletta.blogsport.de/2013/11/04/von-traeumen-und-talenten-gedankenwirrwarr/ http://viruletta.blogsport.de/2013/11/04/von-traeumen-und-talenten-gedankenwirrwarr/#comments Mon, 04 Nov 2013 21:03:24 +0000 viruletta Allgemein Klassismus Privilegien http://viruletta.blogsport.de/2013/11/04/von-traeumen-und-talenten-gedankenwirrwarr/ In einigen Ecken des Internets hat es sich schon herumgesprochen: November heißt für viele Menschen NaNoWriMo, oder auch National Novel Writing Month (übersetzt etwa: Nationaler Monat des Romanschreibens). In verschiedenen Gegenden weltweit nehmen Menschen sich vor, in den 30 Novembertagen einen Roman von mindestens 50.000 Wörtern zu schreiben. Dieses Jahr bin auch ich zum ersten Mal mit dabei.

Auf die Idee gekommen bin ich durch einen Kurs an meiner Uni. Ich studiere zwar Sozialwissenschaften, habe jedoch vor einigen Semestern1 damit begonnen, regelmäßig im Optionalbereich2 Seminare zu besuchen, die etwas mit kreativem Schreiben zu tun haben, auch wenn ich sie mir für mein Studium nicht (mehr) anrechnen lassen kann. In gewisser Hinsicht ist das mein Kompromiss, ich hatte nämlich eigentlich nie vor, Sozialwissenschaften zu studieren.

So weit ich zurück denken kann, zieht sich das kreative Erzählen wie ein roter Faden durch mein Leben. Bevor ich schreiben gelernt habe, waren es Bilderbücher, die ich in mühsamer Kleinstarbeit über Tage hinweg angefertigt habe. Als ich dann eingeschult wurde, kam mehr und mehr Text dazu, die Bilder standen nicht mehr nur für sich, sondern wurden durch kurze Textstücke ergänzt. Irgendwann sind die Bilder verschwunden und ich habe Kurzgeschichten und Aufsätze geschrieben. In der Pubertät waren es dann, ziemlich klassisch, Gedichte und Tagebucheinträge, in denen ich das, was mich gerade beschäftigt hat, verarbeitet habe. Schreiben war immer Selbstzweck für mich und gleichzeitig die einzige gesunde/ produktive Form der Problem- und Gedankenverarbeitung, die mir bekannt war und möglich schien.

Zeitgleich habe ich wahnsinnig viel gelesen, zu jeder Zeit meines Lebens. Noch bevor wir selbst lesen konnten, hatte meine Mutter uns einen Ausweis für die Kinderbücherei anfertigen lassen. Wir sind so oft dort gewesen, dass ich irgendwann mit geschlossenen Augen auf die Regale zugehen konnte, weil ich genau wusste wo welches Buch steht. Die Büchereibesuche sind bei uns zum Ritual geworden; freitags, vor dem Wochenende, hat meine Mutter sich mehrere Stofftaschen zusammengesucht, denn ich konnte nie mit nur einem Buch nachhause gehen, und habe oft an einem Wochenende gleich mehrere hintereinander weg gelesen. Es gab Zeiten, da hätte ich jede Geschichte, in der ein Hund oder ein Pferd vorkam, aus dem Stehgreif erzählen können, weil ich den Büchereibestand buchstäblich in und auswendig kannte.

Aber auch für meine Großeltern und Eltern haben Bücher seit jeher eine große Rolle gespielt, sowohl für die Arbeiter*innen- wie auch für die Armutsklassen-Seite. Und wenn ich darüber nachdenke, kann ich das auch gut nachvollziehen; Bücher waren für sie eine Möglichkeit, sich wegzudenken, aus einem Leben, das ihnen nicht viel zu bieten hatte und von dem sie noch weniger erwarteten. Bücher waren Auszeiten, Weltfluchten; für einen Moment konnten sie die Begrenzungen, denen ihre Leben im Hier und Jetzt ausgesetzt waren, vergessen. Meine Oma aus der Armutsklasse hat beispielsweise viel über ferne Länder gelesen, sie hatte nie die Chance zu reisen und das war ihre einzige Möglichkeit, ein bisschen mehr von der Welt kennenzulernen. Ein paar Jahre, bevor sie gestorben ist, hat sie mir das genau so gesagt. Ich erinnere mich noch, dass sie zu der Zeit ein Buch über Alaska gelesen hat, das sie sich aus der Bücherei in ihrem Altenzentrum ausgeliehen hatte. Bei ihrer Grabrede im März diesen Jahres hat eine ihrer Töchter gesagt, dass dies das einzige sei, was meine Oma all ihren Nachkommen vererbt hätte: die unstillbare Liebe zu Büchern. Und es stimmt. Meine Familie hat Bücher nicht gelesen, um sich das anzueignen, was in Deutschland allgemein als „Bildung“ bezeichnet wird. Für sie war es viel existenzieller. Bücher waren für sie keine Prestigeobjekte, sie waren Überlebenswerkzeuge.

Als ich noch jünger war, hatte ich tatsächlich mal den Glauben, werden zu können, was ich will. Ich wurde in der Grundschule für meine Aufsätze gelobt, manchmal wurden sie der ganzen Klasse vorgelesen. Ich bekam Bestätigung, auch später noch. Am Gymnasium klafften meine Noten weit auseinander; da waren Fünfen und Sechsen in Fächern wie Mathe oder Chemie und Einsen und Zweien in Fächern wie Deutsch und Geschichte. Ich hatte keine*n, die*der sich mit mir hinsetzen und mir Dinge erklären konnte, ich war nur gut in den Fächern, in denen ich mir das Wissen eigenständig aneignen konnte. Später habe ich gelernt, dass sich das „Autodidaktik“ nennt. Ich habe mein Geschichtsbuch aus der Schule mit nachhause genommen und einfach komplett durchgelesen, auch wenn nicht alle Kapitel im Unterricht behandelt werden sollten. Im Deutschunterricht wurden meine Hausaufgaben manchmal doppelt so lang wie gefordert, weil ich schlicht Spaß am Schreiben hatte. Trotzdem habe ich nur mit Mühe und Not – und zwei Nachprüfungen in Mathe – mein Abitur geschafft. Zum Glück hatte ich in meinem Deutsch-Leistungskurs später einen Lehrer, der viel von mir hielt. Er hat mich mehrmals davon abgehalten, einfach alles hinzuschmeißen. Und ich habe den Kurs mit einer Eins und den Bekräftigungen meines Lehres, dass ich es zu etwas Großem bringen würde, verlassen.

Ich war also zuversichtlich, als ich mein Abiturzeugnis in den Händen hielt. Ich wollte Schreiben, das war klar, aber der Weg dorthin lag für mich im Dunkeln. Ich hatte kaum Ahnung vom Hochschulsystem, ich wusste nicht, dass es Universitäten gab, die Kreatives Schreiben anbieten. Also habe ich mich auf Literaturwissenschaften und Germanistik beworben. Einen Platz in Germanistik habe ich im Jahr darauf auch bekommen – und bin bitter gescheitert. In der Schule waren Rechtschreibung und Grammatik bei mir nie bemängelt worden, eher im Gegenteil. Ich hatte ein „gutes Sprachgefühl“, wurde mir gesagt, und genau das stimmte auch. Es war ein Gefühl, ich hatte keine Ahnung von den Regeln, ich konnte sie nur intuitiv, also gefühlsmäßig, richtig anwenden. Bis heute weiß ich nicht was ein Dativ ist und ich könnte in den seltensten Fällen erklären, warum ich ein Komma genau dorthin gesetzt habe, wo es steht. Ich kam mir vor, wie eine Versagerin, sah meinen Lebenstraum vor mir wie eine Seifenblase zerplatzen. Ich war nicht gut genug. Ich würde niemals schreiben. Zu dieser Zeit habe ich angefangen aufzugegeben.

Ich war parallel seit einigen Jahren in politischen Zusammenhängen aktiv, hatte mir angewöhnt, mitzudiskutieren, politische Bücher zu lesen und auch mal Flyertexte zu formulieren. Also verlagerte ich mein Schreiben dorthin. Hier fragte niemand, ob ich die Regeln der deutschen Grammatik kannte, und ich konnte mein diesbezügliches Selbstbewusstsein ein Stück weit wiedergewinnen. Ich fing an, Sozialwissenschaften zu studieren, kurz darauf auch zu bloggen. Da war zwar im Hinterkopf dieses dumpfe Gefühl, dass mir in einem zunächst sehr schleichenden Prozess etwas verloren ging, was mir doch zeitlebens so wichtig gewesen war. Aber das konnte ich immer wieder ganz gut verdrängen.

Und zwar genau bis zu dem Zeitpunkt, als ich das erste Mal wieder einen Kurs für Kreatives Schreiben besucht habe. Seitdem blutet diese Wunde wieder und ich habe mehr als eine schlaflose Nacht verbracht, in der ich mich hin und her gewälzt habe mit der Frage, ob es einen Ausweg geben könnte, eine Abzweigung, einen Weg zurück. Ich weiß, dass das, was ich jetzt mache, nicht das ist, was ich machen wollte, machen will – zumindest nicht ausschließlich. Aber gleichzeitig wirkt es für mich gerade wie der einzig mögliche Weg aus der materiellen Armut, in der ich aufgewachsen bin. Ich kann es schaffen. Und soll ich das wirklich riskieren, aufgeben, für einen (naiven) Traum?

Der NaNoWriMo ist für mich ein Versuch. Ein Versuch, das was ich machen möchte mit dem zu kombinieren, was ich machen muss, oder zumindest sollte. Immer mal wieder sehe ich mir die Zugangsvorraussetzungen von den entsprechenden Studiengängen an, komme zu dem immer gleichen Ergebnis: ich würde es nicht schaffen, sie würden mich nicht nehmen. Ganz egal, wie viele Bücher ich lese, wie viele Texte ich schreibe, mir fehlt der Wortschatz, die Art zu sprechen, zu präsentieren, sie würden es merken, dass ich nicht passe. Nicht zu ihnen, nicht dorthin. Auf der anderen Seite habe ich in der letzten Zeit immer wieder Frustmomente, in denen ich wütend Bücher aus der Hand lege und mich entscheide, nicht mehr weiter zu lesen, weil der Text so voller *ismen und Kackscheiße steckt. Ganz davon ab, dass die Protagonist*innen, also die Figuren in den Büchern, meistens Leben führen, wie ich sie nie geführt habe und auch nie führen werde. Mit Reichtum, großen Häusern, Möglichkeiten, Unbeschwertheit. Mit Träumen. Umso wichtiger wäre es eigentlich, dass auch Leute wie wir anfangen, Bücher zu schreiben. Wenn auch nicht für Verlage, so doch für uns. Gegenseitig. Diese Vorstellung gibt mir gerade den Mut und die Kraft, den NaNoWriMo durchzuziehen. Trotz allem.

  1. Ein Kalenderjahr ist an der Universität in zwei Semester aufgeteilt, ähnlich den Halbjahren an deutschen Schulen. [zurück]
  2. Der Optionalbereich ist eine Ergänzung des Studiums, bei dem fachfremde Veranstaltungen besucht werden können. [zurück]
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»Die Scham ist vorbei.« http://viruletta.blogsport.de/2013/05/04/die-scham-ist-vorbei/ http://viruletta.blogsport.de/2013/05/04/die-scham-ist-vorbei/#comments Sat, 04 May 2013 20:18:22 +0000 viruletta Allgemein http://viruletta.blogsport.de/2013/05/04/die-scham-ist-vorbei/ Weil es mir so viel gegeben hat, will ich dieses Zitat mit euch teilen:

Wirst du nun glücklich davon, von dem Feminismus, fragt jemand.
Naja, nein, manchmal, sage ich zögernd. Glücklich? Einfacher ist es sicher nicht. Wir überfordern uns regelmäßig durch unsere eigenen Ideale, bringen noch so wenig davon zustande. Sisterhood is powerful – it can kill you. Und doch können wir nur weiter vorwärts, wir können nicht mehr zurück. Auch die Abtrünnigen, die die Ideale nicht leben können, machen weiter. Auch ich mache weiter, wenn ich mich einige Zeit zurückgezogen habe, um mich zu erholen. Laßt uns Geduld miteinander haben und uns ehrlich die Dinge eingestehen, die wir noch nicht können. Aber wir sollten uns nicht schämen. Sentimental, sage ich, während ich meinen Kritikern in die Augen schaue, sicherlich, ich bin sentimental, ich weine bei Filmen. Ich verstecke meine Verletzbarkeit manchmal hinter einer dünnen Schicht Zynismus.
Überempfindlich, zu emotional, vielleicht sogar paranoid. Ich sehe, wie in grellem Scheinwerferlicht, zehnfach vergrößert, die täglichen Details meiner Unterdrückung, die täglichen Details des Schmerzes anderer Frauen. Ich habe keine Abwehr mehr dagegen, keine Scheuklappen, ich sitze mittendrin wie ein Muscheltier ohne Schale.
Selbstmitleid? Sicher. Ich kann in Selbstmitleid schwimmen, ich kann mich darin wie ein Schwein im Schlamm suhlen.
Nachtragend. Auch das.
Aber keine Scham. Die Scham ist vorbei.

Geschrieben hat es Anja Meulenbelt und zwar schon im Jahr 1976. (Ihr findet es in ihrem autobiographischen Werk »Die Scham ist vorbei. Eine persönliche Erzählung.« auf Seite 20.) Ich finde mich fast 40 Jahre später noch in jedem ihrer Worte wieder.

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Gegen das Verstummen. http://viruletta.blogsport.de/2013/03/10/gegen-das-verstummen/ http://viruletta.blogsport.de/2013/03/10/gegen-das-verstummen/#comments Sun, 10 Mar 2013 12:17:58 +0000 viruletta Klassismus http://viruletta.blogsport.de/2013/03/10/gegen-das-verstummen/ Über Klassismus kann ich bis heute kaum reden und es hat lange gedauert, bis ich mich überwinden konnte, darüber zu schreiben. In den letzten Tagen habe ich drei unglaublich gute, wichtige, empowernde Texte zu eigener Betroffenheit und dem Fehlen von Schutzräumen und Verbündeten gelesen. In dem letztverlinkten hat mich ein Absatz zum Weinen gebracht, etwas, was ich mir im Bezug auf dieses Thema erst viel zu selten gestattet habe. Weil ich mir das Thema selbst bisher noch viel zu selten gestattet habe. Und zwar genau aus diesem Grund:

Ich spüre, ich kann diesen Artikel eigentlich garnicht schreiben, weil es wehtut, und es so schwer ist, laut zu werden ohne biografisch zu sein und wie schwer es ist, biografisch zu sein und mir dabei nicht selbst weh zu tun.

Mir selbst weh tun. Und mich verletzbar machen. Ich bin vor ein paar Wochen das erste Mal bei einem Klassismus-Workshop gewesen und habe danach einen Text angefangen, den ich bisher weder zuende schreiben, noch veröffentlichen konnte. Weil ich in all diesen Jahren genauso zum Verstummen gebracht worden bin wie ihr. Aber ich will nicht mehr still in mich hinein leiden und meine Betroffenheit verstecken müssen. Ich habe es satt (Redewendung). Genau wie ihr, die ihr diese tollen Blogbeiträge geschrieben habt. Und mir zum ersten Mal das Gefühl gebt, dass es Menschen gibt, mit denen es ein „Wir“ geben könnte. Und zwar auch dann noch, wenn ich offenlege, wer ich bin und woher ich komme. Dass das ewige Verstecken vielleicht irgendwann ein Ende haben kann, haben könnte. Ich bin euch unsagbar dankbar dafür. Und hier ist der Text, den ich unmittelbar nach dem Workshop-Besuch geschrieben habe:

In einem Klassismus-Workshop sitzen und plötzlich Druck auf der Brust fühlen. Schwindel. Das Gefühl, hier raus zu müssen. Aber dann: die Angst aufzufallen. Sich zu outen. Geoutet zu werden. Die leise Stimme, die sich in deinem Kopf bemerkbar macht: Das kennst du. Das war bei dir genauso. Die Stimme, die so viele Jahre geschwiegen hat. Die du zum schweigen bringen wolltest, willst. Auch jetzt wieder. Schmerz. Mit Tränen kämpfen. Sich selbst fragen, wieso mensch denn jetzt so verdammt emotional reagiert. Die anderen reden hören. Über „wir“ und „die“. Wissen, dass sie dich zu „wir“ zählen. Wissen, dass du eigentlich zu „die“ gehörst. Gehört hast. Wissen, dass dein Leben ein fein gesponnenes Netz aus Lügen geworden ist. Damit du nicht auffällst. Lügen, die du irgendwann selber angefangen hast zu glauben. Das Gefühl, immer ein bisschen besser sein zu müssen als der Rest, um wie sie zu sein. Weil da etwas ist, was dir anhaftet. Was irgendwo tief in dir noch da ist. Verschüttet. Verdrängt. Weil da so viele Jahre an Erfahrungen sind, über die du nicht reden kannst. Weil da so viel Scham ist. Und Schmerz. Und Angst. Die Leute, die im autonomen Zentrum neben dir sitzen, sind doch nur eine Schnittmenge der Leute, mit denen du damals zum Gymnasium gegangen bist. Und hinter deinem Rücken, da würden sie reden. Paranoia? Oder Erfahrung? Ein Schutzschild aus Wissen, das du dir aufgebaut hast. Vokabular, einen Wortschatz. In der autonomen Linken tragen doch eh alle kaputte Klamotten. Da fällst du nicht auf. Keine*r weiß, dass du deine kaputten Schuhe nicht weiter trägst, weil es gerade irgendwie schick ist, sondern weil du kein Geld für neue hast. Unsichtbar werden. Teil von etwas werden. Und trotzdem weiter lügen müssen. Themen, die du umgehst wie einen Abgrund, in den du jederzeit wieder fallen könntest. Du balancierst am Rand. Suchst nach etwas zum Festhalten. Alle Kraft geht dafür drauf.

Auf der einen Seite ist die autonome Linke mein Rettungsanker, weil sie mir überhaupt sowas wie ein gesellschaftliches Leben ermöglicht. Weil Partys dort in der Regel keine 10€ Eintritt kosten. Getränke teilweise zum Einkaufspreis rausgegeben werden. Nicht immer Konsumzwang vorherrscht. Weil nicht von dir erwartet wird, Markenklamotten zu tragen. Oder auch nur eine breite Gaderobe zu besitzen. Oder auch nur löcherfreie Kleidung zu tragen. Für mich gibt es im Grunde keine Alternative zu dieser Szene, selbst wenn ich wollte. Und trotzdem ist sie alles andere als ein Schutz- oder Freiraum für mich. Trotzdem geht das Lügen weiter, das Verstecken. Trotzdem muss ich weiterhin so tun, als ob das einfach „mein Stil“ ist, als ob ich es mir so ausgesucht hätte. Vielleicht würde ich das ja sogar, wenn ich die Wahl hätte. Aber ich weiß es nicht, weil ich die nie gehabt habe.

Über Sexismus zu reden fällt mir so viel leichter, weil meine Betroffenheit hier offensichtlich erscheint. Und weil es nichts ist, was ein Großteil der Leute irgendwie für selbstverschuldet hält. Bei Klassismus ist das ganz anders. Entweder liegt es an meinen Eltern oder es liegt an mir. Und wenn ich mich „oute“, dann sehen die Anderen mich plötzlich in einem anderen Licht. Weil es sie überrascht. Weil sie nicht damit gerechnet hätte. Warum eigentlich nicht? Wenn ich über Dinge rede oder Dinge tue, die nicht in das stereotype Bild passen, dann bin ich „die Ausnahme“. Aber noch schlimmer ist es, über Dinge zu reden, die ins Bild passen. Denn dann haben sie mich erwischt. Dann fühle ich mich schuldig. Immer noch.

Ich will nicht mehr schweigen. Ich will reden. Aber ich will reden, mit Menschen, die mich verstehen. Und zwar nicht (nur), weil sie darüber gelesen haben. Ich will mich austauschen können, ohne die Angst, verurteilt zu werden. Ich will, dass meine Probleme und auch meine Bedenken ernst genommen werden. Dass sie nicht kleingeredet oder als Nebenproblem abgetan werden. Ich will nie wieder das Gefühl haben, mich rechtfertigen zu müssen, weil ich Klassismus zum Thema mache. Und ich will nicht die Einzige sein, die Klassismus zum Thema macht. Deshalb schließe ich mich ClaraRosa an:

Ich will euch kennenlernen! Ich will mich mit euch organisieren und gegen die Kapitalist_innen in unseren eigenen Reihen demonstrieren.

Ich will Krawall. Aber so richtig – bis wir nicht mehr weg ignoriert werden können.

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Solidarität und Unterstützung – auch für “unperfekte Opfer”. http://viruletta.blogsport.de/2013/02/26/unperfekte-opfer-verdienen-trotzdem-solidaritaet-immer/ http://viruletta.blogsport.de/2013/02/26/unperfekte-opfer-verdienen-trotzdem-solidaritaet-immer/#comments Tue, 26 Feb 2013 11:42:32 +0000 viruletta Gewalt http://viruletta.blogsport.de/2013/02/26/unperfekte-opfer-verdienen-trotzdem-solidaritaet-immer/ Triggerwarnung: Victim Blaiming (Schuldumkehrung), Gewalt gegen Frauen*, Gewalt innerhalb von (heterosexuellen) Paarbeziehungen.

Vorweg: Dieser Beitrag basiert auf eigenen Erfahrungen und Wissensstände. Ich will mir keinesfalls anmaßen, für alle zu sprechen – nur die Betroffenen selbst können entscheiden, was für sie in der jeweiligen Situation das Beste ist.

Vor einer halben Ewigkeit habe ich einen sehr wichtigen Blogbeitrag gelesen, der einiges in mir angestoßen hat. In dem konkreten Beitrag ging es um das Beispiel der Prostitution. Darum, dass Gewalt gegen Personen, die in diesem Bereich tätig sind, oftmals sehr unterschiedlich bewertet wird. Je nachdem, wie „selbstverschuldet“ sie sich in diese Lage gebracht zu haben scheinen. Sind sie Opfer von Menschenhandel geworden, gelten sie als „unschuldig“ und Hilfe ihnen gegenüber als moralische Pflicht. Haben sie sich jedoch scheinbar „freiwillig“ für die Sexarbeit entschieden (so freiwillig, wie Lohnarbeit eben sein kann), gilt ihr Lage als „selbst-“ oder zumindest „mitverschuldet“. Die Allgemeinheit fühlt sich in diesem Fall weniger dazu verpflichtet, den Schutz der Menschenrechte dieser Betroffenen durchzusetzen. Dies ist jedoch keineswegs der einzige Fall, in dem das künstlich erschaffene Bild des „perfekten/ verdienenden“ Opfers all jenen schadet, die ihm nicht entsprechen.

Ähnliches gilt auch für Personen, die sich entscheiden (vorerst) in Gewaltbeziehungen zu bleiben. Zu dem Zeitpunkt, an dem die Gewalt öffentlich gemacht wird, schlagen sich viele auf die Seite der Betroffenen. Sie versuchen, ihnen zu helfen. Vielleicht sogar sie zu „retten“. Nehmen die Betroffenen die Hilfe jedoch nicht (dauerhaft) an, macht sich bei den Helfenden zumeist Verständnislosigkeit, oft sogar Wut breit. Diese gilt ab einem gewissen Zeitpunkt häufig nicht mehr (nur) dem*der Täter*in, sondern immer stärker auch den Betroffenen. „Langsam kann ich ihr auch nicht mehr helfen“, oder: „Irgendwann ist sie auch selber Schuld“ sind Sätze, die in diesem Zusammenhang viel zu oft fallen.

Die Popsängerin Rihanna ist ein berühmtes Beispiel hierfür. Kurz nachdem ihr Freund Chris Brown sie Anfang 2009 brutal zusammengeschlagen hatte, tauchten in sämtlichen Medien Bilder von ihrem geschundenen Gesicht auf. Die Gewalt, die Chris Brown ihr angetan hatte, stieß eine öffentliche Diskussion zum Thema „häusliche“ Gewalt an. Bezeichnenderweise nahm seine Karriere dadurch trotzdem keinen dauerhaften Schaden. Inzwischen führen die beiden wieder eine Paarbeziehung. Dafür hagelt (RW=Redewendung) es sehr viel Kritik. Diese richtet sich merkwürdigerweise jedoch zum Großteil gegen Rihanna und nicht gegen Chris Brown.

In vielen Besprechungen zum Album mischt sich eine gute Portion Empörung: Rihanna sei ein schlechtes Vorbild für junge Mädchen und Frauen. Sie käme ihrer Verantwortung als Role-Model nicht nach, wurde Rihanna etwa vom US-Magazin „Billboard“ in einem offenen Brief getadelt, nachdem Chris Brown bereits im Frühjahr bei einer Remix-Version ihrer Single „Birthday Cake“ aufgetreten war. KünstlerkollegInnen zeigen sich „persönlich“ enttäuscht, Fans wenden sich ab unter der Klage, dass sie „jeglichen Respekt“ für Rihanna verloren hätten.

Rihanna, der die Gewalt angetan worden ist, ist nun also das schlechte Vorbild? Nicht etwa Chris Brown, der die Gewalt ausgeübt hat?! Dass die Verantwortung für die Gewalt von den meist männlichen Tätern auf die zumeist weiblichen* Betroffenen übertragen wird, ist kein Sonderfall. In unserem strukturell sexistischen System ist es die Regel. Und einer der Gründe dafür, weshalb „häusliche“ Gewalt für Frauen* in Europa zwischen 16-44 Jahren die häufigste Todes- und Verletzungsursache (PDF) ist. Und zwar noch vor Verkehrsunfällen und Krebs. Daran kann und wird sich nur etwas ändern, wenn sich auch die Sichtweise auf Gewalt gegen Frauen* verändert.

Solidarität darf nicht dort aufhören, wo die Betroffenen eigenmächtige Entscheidungen treffen. Auch wenn sie den Unterstützenden missfallen. Es gibt viele Gründe für Betroffene, (vorerst) in Gewaltbeziehungen zu bleiben. Oder dorthin zurückzukehren. Kein einziger davon muss den Unterstützenden logisch erscheinen. Oftmals spielen Abhängigkeitsverhältnisse eine große Rolle. Oftmals braucht der Entschluss, die Beziehung zu verlassen, Zeit. Vielleicht, um sich das Geschehene bewusst zu machen. Vielleicht, um Perspektiven für das Leben danach zu schaffen. Vielleicht auch nur, um Kraft zu sammeln. Wichtig ist, dass die Betroffenen trotzdem weiterhin auf Unterstützung zählen können. Dass sie weiterhin über die Gewalt reden können, ohne dafür sanktioniert zu werden. Dass ihnen weiterhin bewusst gehalten wird, dass die Schuld für die Gewalt nicht bei ihnen liegt. Und zwar unter keinen Umständen.

Die Täter*innen bleiben Täter*innen. Die Gewalt, die sie ausüben wird nicht weniger schlimm, je länger sie ertragen wird. Dass sie ertragen wird, entschuldigt oder verharmlost das gewalttätige Verhalten in keinster Weise.

Für Unterstützende ist es sicher schwer, mit anzusehen, wie einer Person (immer wieder) Gewalt angetan wird. Dass dadurch Ohnmachtsgefühle und auch Wut entstehen, ist verständlich. Allerdings sollte sich diese Wut immer und ausnahmslos gegen die Täter*innen richten. Alles andere führt nur dazu, dass die Betroffenen immer weiter isoliert werden. Das wiederum bildet den Nährboden (RW) für weitere, vielleicht sogar noch stärkere Gewalt. Wenn Betroffene sich auf Dauer aus Gewaltbeziehungen befreien wollen, müssen sie die Unterstützenden als Verbündete wahrnehmen können. Und nicht (so widersinnig es auch erscheinen mag) die Täter*innen.

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Über Geld reden. http://viruletta.blogsport.de/2013/02/15/ueber-geld-reden/ http://viruletta.blogsport.de/2013/02/15/ueber-geld-reden/#comments Thu, 14 Feb 2013 22:22:41 +0000 viruletta Klassismus http://viruletta.blogsport.de/2013/02/15/ueber-geld-reden/ Über Geld redet mensch nicht – das ist eine Aussage, die eine*r sich erstmal leisten können muss. Über Geld nicht reden zu müssen, bedeutet genug zu haben, um deinen Freund*innen nicht erklären zu müssen, dass du wieder nicht mit auf die Party/ in den Urlaub/ zum dem Theaterstück gehen kannst, weil du eben kein Geld hast. Es bedeutet, andere nicht danach fragen bzw. darum bitten zu müssen, dir welches zu leihen, weil du sonst nicht weißt, wie du die Tierarztbehandlung für deinen Hund oder die nächste Stromrechnung bezahlen sollst. Es bedeutet, dass du dich nicht mit anderen (Wahl)Familienmitglieder absprechen musst, bevor du dir den Luxus von Kosmetikprodukten „gönnst“, weil erst mal feststehen muss, dass auch danach noch genug Geld für Grundnahrungsmittel übrig ist. Es bedeutet, den Leuten aus der Universitätsverwaltung nicht erklären zu müssen, dass du den Semesterbeitrag wieder nicht rechtzeitig überweisen konntest, weil du verdammt nochmal nicht wusstest, wo du das Geld hernehmen solltest. Es bedeutet noch viel, viel mehr. Aber das hier sind meine Erfahrungen. Ihr könnt in den Kommentaren gerne ergänzen.

„Scheiß auf Geld“, das ist genauso ein Satz. Konnte ich nicht, werde ich vermutlich nie können. Geld hat in meinem Leben eine Rolle gespielt, so lange ich denken kann. Und das ist zu lange, das war zu früh. Ich weiß nicht, wie es sich anfühlt, Geld für etwas auszugeben, was nicht über_lebensnotwendig ist, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Ohne im Hinterkopf dieses dumpfe Gefühl zu spüren, vermutlich ist es Reue; es wird irgendwo anders fehlen. Ich gehe nicht oft ins Kino, aber wenn, dann sitze ich neunzig Minuten lang da und denke über die 8€ nach, die ich gerade ausgegeben habe. Stiche im Magen. Gewissensbisse. Zu viel Luxus. Zumindest für mich. Eine permanente Belastung, ein Schatten, der immer nah bei mir, hinter mir ist. Stress. Existenzielle Ängste. Angst, die zu Panik wird. Ein Leben in finanzieller Unsicherheit hinterlässt seine Spuren. Panikattacken. Nachts nicht schlafen können, aber am nächsten Morgen trotzdem wieder funktionieren müssen. Leere im Kopf. Sorgen. Kummer.

Und dabei ist Geld das Privileg, was eine*r am einfachsten teilen kann. Andere mal einladen – egal ob auf ein Bier, einen Saft oder eine Urlaubsreise. Mietanteile nicht nach Zimmergrößen staffeln, sondern nach Einkommen. Einfach mal mehr Geld in die Haushaltskasse stecken. Ohne Gegenleistungen zu erwarten. Anderen aushelfen. Das Geld nicht zurückfordern, wenn eine*r es eigentlich gar nicht braucht. Kein schlechtes Gewissen dafür einreden. Das haben Leute, die in armen Verhältnissen leben oder leben mussten, sowieso fast immer. Weil ihnen von allen Seiten genau das gespiegelt wird: Schuld. „Du kannst nicht mit Geld umgehen“, „Du bist zu faul“, „Such dir doch einen Job“, „Warum zieht ihr nicht um?“, „Brauchtest du das denn jetzt wirklich?“. Sich rechtfertigen müssen. Für das Handy. Den Internetanschluss. Die vegane Ernährungsweise. Für jede Stunde Freizeit, die nicht stattdessen in „Geldverdienen“ investiert worden ist. Für die eigene Existenz. Zumindest gefühlt.

Und alle schimpfen auf den Kapitalismus. Reden von „sozialer Ungleichheit“. Und finden das irgendwie ganz schön unfair. Haben reiche Eltern und tragen trotzdem zerschlissene Klamotten. Erzählen mir dann ganz stolz, dass sie ja auch nur von 400€ im Monat leben. Mehr „brauchen“ sie nicht. Und ich sage ihnen, dass mich diese linke Verzichtsethik ankotzt. Dass es doch nicht schlimm ist, dass es Leute gibt, die viel Geld haben – schlimm ist, dass es Leute gibt, die keins haben. Oder zu wenig. Umverteilen bringt mehr als verzichten. Er sagt zu mir: „Aber wenn ich die Miete alleine übernehmen würde, und meine Mitbewohnerin dann ihre Aufgaben im Haushalt nicht erledigen würde, würde ich mich ärgern, ihr das Geld gegeben zu haben“. Geld als Sanktionsmittel. Weil Geld Macht bedeutet. „Wenn du nicht tust, was ich will, streiche ich dir das Geld“. Asymmetrische Beziehungen – was bleibt der Mitbewohnerin, wenn er seinen Aufgaben nicht nachkommt? Nichts. Oder zumindest nicht viel.

Micht kotzt es an, dass (auch innerhalb der Linken) über Geld nicht geredet wird. Und wenn doch, wie darüber geredet wird. Dass es Leuten so unangenehm ist, darüber zu reden. Denen, die welches haben, scheinbar noch viel mehr, als denen, die keins haben. Dass ich das Gefühl habe oder mir sogar bewusst das Gefühl gegeben wird, dass ich mich schlecht fühlen muss, wenn ich das Thema anspreche. Wenn ich konstruktive Kritik übe. Ich sehe gedanklich vor mir, wie in ihren Köpfen Sprechblasen aufploppen. Sie enthalten Worte, die mit Sch… beginnen. Worte, die ich hier nicht wiedergeben will. Kann. Weil sie nicht triggerfrei wären. Weil sie schmerzhaft wären. Anklagend. Weil zu viele von uns sie zu oft gehört haben. Spätestens beim Gang zum Arbeitsamt.

Wenn es schon keine Gerechtigkeit gibt, dann wünsche ich mir wenigstens mehr Solidarität.

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Eintrittskarte zum Elfenbeinturm http://viruletta.blogsport.de/2012/11/09/eintrittskarte-zum-elfenbeinturm/ http://viruletta.blogsport.de/2012/11/09/eintrittskarte-zum-elfenbeinturm/#comments Fri, 09 Nov 2012 10:33:23 +0000 viruletta Klassismus http://viruletta.blogsport.de/2012/11/09/eintrittskarte-zum-elfenbeinturm/ Ich habe in den letzten Monate eine sehr merkwürdige Entwicklung durchgemacht. Auf der einen Seite habe ich mich auf einer theoretischen Ebene verstärkt mit Klassismus auseinandergesetzt, auf der anderen Seite gehe ich seit ein paar Wochen wieder zur Uni und erlebe dort tagtäglich Selbstdarstellerei und einen übermäßigen Gebrauch von Fachbegriffen. Das hat mich schon immer irgendwie gestört, aber bisher habe ich den Fehler eher bei mir gesucht; DU weißt noch nicht genug, DU bist nicht klug genug, DU lernst nicht genug für die Uni, DU bist hier vielleicht sogar letzten Endes fehl am Platz (RW: Redewendung). Ich gehe inzwischen seit knapp zwei Jahren wieder zur Uni und habe in dieser Zeit natürlich viel gelernt. Ich weiß, was von mir dort erwartet wird, ich kenne die Umgangsformen und viele der Begriffe. Ich kann mich einigermaßen zurecht finden im Fachjargon, kann auch selbst mit Begriffen und Theorien um mich schmeißen, wenn mir danach ist. Ich habe mich angepasst. Ich bin nicht mehr ganz so sehr draußen, sondern werde immer mehr zur (Mit-)Wissenden. Die Eintrittskarte zum Elfenbeinturm1 liegt in meinen Händen (RW).

Die letzten beiden Tage habe ich auf einer Konferenz in der Uni verbracht. Es sollte um Geschlecht und Arbeit gehen und die Frage, in welche Richtung sich unsere Gesellschaft diesbezüglich gerade bewegt. Für mich ist das ein Thema, mit dem ich mich jetzt schon etwas länger beschäftige, und ich habe mich eigentlich sehr auf diese zwei Tage gefreut. Letzten Endes konnte ich aber gar nicht so viel davon mitnehmen, außer eine gehörige Portion Ärger im Bauch. Ich sollte vielleicht vorweg schicken, dass ich mit meinem vierten Fachsemester im Bachelor zu dem nach universitären Maßstäben „ungebildeten“ Teil des Publikums gehörte. Die meisten anderen hatten schon mindestens einen Abschluss gemacht – viele bereits mehrere. Dementsprechend wenig wurde auch darauf geachtet, dass das Gesagte für alle verständlich bleibt. Die Vorträge waren trocken, abstrakt und es wurden so gut wie keine Beispiele genannt. Konzepte und Namen von Theoretiker*innen wurden aufgegriffen, ohne dass auch nur ein Wort darüber verloren wurde – das Wissen um deren Bedeutung wurde vorausgesetzt. Bevor eine Person das Wort ergriff (RW) wurden erstmal Titel und vergangene sowie aktuelle Forschungsprojekte aufgezählt. Das alles wirkte sehr einschüchternd und hat sicher viel dazu beigetragen, dass sich an beiden Tagen in erster Linie Personen zu Wort meldeten, die mit Professor*in oder Doktor*in angesprochen werden wollten.
Auf einer Nachbesprechung der Konferenz habe ich heute die Unverständlichkeit der Vorträge thematisiert. Die Antwort auf meine Kritik lautete: am Anfang vom Studium ist das nunmal so, da musst du versuchen, so viel aus dem Gesagten rauszuziehen, wie es geht – der Rest ergibt sich im Laufe der Zeit von selbst. Und ich bezweifle tatsächlich nicht, dass ich in ein paar Jahren dazu in der Lage sein könnte, entsprechende Vorträge zu Hundert Prozent zu verstehen. Wahrscheinlich könnte ich sogar selber welche halten. Die Frage ist für mich viel eher: will ich das?

Ich studiere Sozialwissenschaften, und zwar weil ich mir davon auf der einen Seite erhofft habe, von den existenziellen Ängsten wegzukommen, die mein bisheriges Leben bestimmt haben. Auf der anderen Seite habe ich gehofft, mit diesem Studium ein Werkzeug an die Hand zu bekommen, um vielleicht sogar Einfluss auf die gesellschaftlichen Strukturen gewinnen zu können, die für die sozialen Ungleichheiten und gesellschaftlichen Unterdrückungsverhältnisse verantwortlich sind. Dieses Werkzeug wollte ich dann mit anderen Teilen, weshalb ich auch mit dem bloggen angefangen habe – Wissen teilen, von und mit anderen lernen war mein Ziel. Und nun wird mir mehr und mehr bewusst, dass (m)ein Studium gar nicht dazu gedacht ist, mit anderen Teilhaber*innen dieser Gesellschaft weiterhin im Austausch zu bleiben. Es soll viel mehr dazu befähigen, ÜBER Andere reden zu können, aber nicht MIT ihnen.

Wenn ich mir heute vergegenwärtige, dass ich noch bis vor kurzem mit dem Gedanken gespielt habe, mich später um einen Job in der Uni zu bemühen und mein ganzes Leben lang Forschung und Lehre zu betreiben, wird mir die Naivität, mit der ich bisher an die Institution Universität herangegangen bin, nur allzu bewusst. Und dann denke ich zurück an all die Bekannten und Freunde (ja, es waren immer Männer), die mir im Laufe meines Lebens schon was von Marx erzählen wollten und dem revolutionären Klassenkampf, und von denen ich immer wusste, dass sie aus viel reicheren Elternhäusern kamen als ich. Und ich erinnere mich, dass ich mich in solchen Debatten meistens unwohl gefühlt habe (und bis heute fühle), weil ich immer das Gefühl hatte, aufgrund meines Hintergrundes die Theorien kennen zu müssen (schließlich würde es „meine“ Revolution werden), sie aber für ziemlich unverständlich hielt. Kurz gesagt: da schreibt einer über meine Probleme in einer Sprache, die ich nicht verstehe. Heike Weinbach und Andreas Kemper haben in ihrem Buch „Klassimus – eine Einführung“ auch auf genau das hingewiesen:

„Betrachten wir die Wissenschaftler und Autoren, so wird deutlich, dass die Bezugspunkte häufig Theorien von Männern (wie Karl Marx, Max Weber, Pierre Bourdieu u.a.) sind, die aus den sogenannten Mittel- und Oberschichten kommen oder von diesen anerkannt werden. Ihre Bedeutung und ihre Begriffe für Wissenschaft, Forschung und Philosophie wurden in einem Herrschaftssystem, das klassenstrukturiert ist, konstruiert.“

Wissen und Wissenschaft ist nicht objektiv. Was dort gelehrt wird, ist nicht zufällig. Dass die Theoretiker, deren Thesen du zum bestehen deines Studiums kennen musst, nahezu durchweg weiß, männlich und christlich (gewesen) sind, bedeutet nicht, dass diese Personen die bedeutensten Gedanken hervorgebracht haben. Es bedeutet viel mehr, dass diese Personen von einem ungerechten Herrschaftssystem anerkannt waren. Geschichte wird gemacht. Wer als wichtig eingestuft wird, sagt meistens mehr über die Gesellschaft als über die Person selbst aus.

Ich dachte, wenn ich später an der Uni lehren würde, dann könnte ich vielleicht ein bisschen Einfluss darauf nehmen, über was und wen gesprochen wird. Dann könnte ich vielleicht ein paar Menschen Denkanstöße geben, die später Zugang zu gesellschaftlicher Macht haben werden. Dann würde vielleicht einiges besser werden. Von „Oben“ aus gesteuert. Heute sehe ich das anders. Ich habe keine Lust, mich für den Rest meines Lebens nur mit dem privilegierteren Teil unserer Gesellschaft auseinanderzusetzen. Ich möchte nicht für einen Großteil der Menschen unverständlich werden. Ich will nicht in erster Linie mit Fachbegriffen arbeiten (müssen), für die es keine richtigen Übersetzungen gibt, weil das so gar nicht vorgesehen ist. Weil sowieso nur ein kleiner Teil der an dieser Gesellschaft teilhabenden Menschen als „relevant genug“ eingestuft wird, als dass die Diskussion mit ihnen von Bedeutung wäre.

Aber was ist die Konsequenz daraus? Der Universität den Rücken kehren (RW)? Jetzt und hier? Ich habe sogar wirklich darüber nachgedacht. Der für mich persönlich wichtigste Satz, der auf der besagten Konferenz gefallen ist, lautete: „Wir wollen kein Stück vom vergifteten Kuchen“. Ich würde das Zitat in einen anderen Kontext stellen, aber im Grunde fasst es meine Gedanken sehr genau zusammen: ich will mir keinen Platz in einem System erkämpfen, das auf Ungerechtigkeiten aufgebaut ist und in dem Ausschlüsse von vornherein vorgesehen sind. Aber die Werkzeuge, die will ich sammeln und behalten. Ich will sie teilen und zweckentfremden. Aber dafür muss ich es schaffen, verständlich zu bleiben. Dinge, die ich in der Uni lerne, so zu übersetzen, dass jede*r sie verstehen und anwenden kann. Auch wenn das, so traurig und bezeichnend es auch ist, etwas ist, was im universitären Kontext eigentlich nicht vorgesehen ist.

  1. Der Begriff Elfenbeinturm bezog sich ursprünglich auf einen Ort völliger Abgeschiedenheit von der Welt und wird heute meistens benutzt, um Personen (oftmals „Wissenschaftler*innen“) zu bezeichnen, die sich in einer Sprache ausdrücken, die für die meisten Menschen nicht mehr verständlich ist (zB aufgrund zu vieler Fachbegriffe) und die dadurch jeglichen Bezug zur Praxis verloren haben. [zurück]
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Von Aneignungen und (Re-)Traumatisierungen http://viruletta.blogsport.de/2012/09/13/von-aneignungen-und-re-traumatisierungen/ http://viruletta.blogsport.de/2012/09/13/von-aneignungen-und-re-traumatisierungen/#comments Thu, 13 Sep 2012 16:38:03 +0000 viruletta Privilegien http://viruletta.blogsport.de/2012/09/13/von-aneignungen-und-re-traumatisierungen/ Meinen letzten Sommer (den im Jahre 2011) habe ich damit verbracht, den Sl*twalk im Ruhrgebiet mitzuorganisieren, einiges über die Bewegung und das dazugehörige, noch sehr unausgereifte, Konzept zu bloggen und noch viel mehr darüber zu lesen. Ein zentraler Punkt in all diesen Texten, Diskussionen und Blogbeiträgen war hier immer auch der Umgang mit den Begrifflichkeiten, insbesondere dem Wort Sl*t/ Schl*mp*. Ich habe damals im maedchenblog einen ziemlich langen Eintrag dazu verfasst, inwiefern der Begriff in sein Gegenteil verkehrt und zur Selbstermächtigung beitragen könnte, wenn doch nur die richtigen Personen damit anfangen würden, ihn zu gebrauchen und sich selbst damit zu bezeichnen. Heute halte ich diesen Versuch gelinde gesagt für naiv, und damit meine eigentlich unreflektiert. Klar war ich irgendwo von dem Wort betroffen, aber wenn dann traf es mich immer nur im Kollektiv (dem, der Frauen*), nie als Individuum. Der einzige Grund, die einzige Motivation, mich mit diesem Wort zu verletzen, zielte auf mein (zugeschriebenes) Geschlecht (weiblich) ab – da war nichts intersektionelles, nichts herausstechendes, was dazu führte, dass ausgerechnet ich aus diesem Kollektiv herausgegriffen und mit dem Wort, der Beleidigung, bedacht, ja beworfen wurde. Folglich fiel es mir leicht, andere dazu aufzurufen, sich selbst zu befreien, in dem sie sich ein Wort aneignen sollten, was für viele Personen mit sehr viel mehr Schmerz und Wut und Erfahrungen behaftet war und ist, als es bei mir der Fall gewesen ist.

Heute bin ich einige Schritte weiter. Ich bin mir nun im Klaren darüber, dass es auch bei mir diese Wörter gibt, die ich am liebsten nie wieder, egal in welchen Kontexten und egal von welchen Personen, hören, sehen, lesen möchte. Für mich ist es insbesondere das Wort F*tz*. Das Wort triggert mich und selbst in der gespoilerten Schreibweise möchte ich es am liebsten gar nicht hier stehen haben. Wenn ich mit dem Wort konfrontiert werde, läuft mir ein Schauer über den Rücken und ich habe das Gefühl, als würde es augenblicklich ein bisschen kühler und dunkler um mich herum werden. Ich fühle mich unwohl, weil unterbewusst so viele negative Erinnerungen und damit verbundene Gefühle in mir hervorgerufen werden, dass ich das gar nicht wegintellektualisieren kann. Und ich habe dann auch eigentlich keine Lust, mich dafür erklären zu müssen, während ich noch mit den schmerzhaften und belastenden Gefühlen und Erfahrungen kämpfen muss, die das Wort in mir hervorgerufen hat. Und das im – schlimmsten Fall – auch noch in meiner comfort zone.

Ein Jahr habe ich gebraucht um zu begreifen, weshalb bestimmte Personen im letzten Jahr den Sl*twalks ferngeblieben sind, auch wenn sie das Thema für wichtig befunden haben. Das Worte triggern können, ist mir schon lange bewusst, und auch wenn ich von Triggerwarnungen meinem Empfinden nach bis heute nicht genügend Ahnung habe (auch etwas, das ich dringend nachholen sollte), halte ich sie für enorm wichtig. Es geht darum, Leute zu schonen und zu schützen, die Scheiße erlebt haben und immer wieder erleben müssen. Es geht darum, Rücksicht auf Empfindungen zu nehmen, auch wenn mensch sie nicht teilt oder auch nur nachempfinden kann. Und nicht zuletzt ist es auch mal wieder eine Frage der Privilegien. Wenn mir ein Wort nicht weh tut, von dem ich aber weiß, dass das bei anderen Menschen der Fall ist, sollte ich mich zuallererst fragen, warum es mir nicht weh tut. Und anschließend erst reden – mit anderen! – und dann handeln. Und im Zweifelsfall auf eine Strategie, eine vermeintliche Waffe verzichten, wenn sie nicht nur die verletzt, auf die sie abzielen sollte – sondern auch oder vielleicht sogar in erster Linie die, die ich vorgeblich damit befreien oder schützen wollte.

(Danke Clara Rosa für den Denkanstoß.)

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Die Brille. http://viruletta.blogsport.de/2012/08/26/die-brille/ http://viruletta.blogsport.de/2012/08/26/die-brille/#comments Sun, 26 Aug 2012 17:58:23 +0000 viruletta Privilegien http://viruletta.blogsport.de/2012/08/26/die-brille/ Irgendwann hat in meinem Leben ein Prozess begonnen, der gemeinhin als Politisierung bezeichnet wird. Ich finde inzwischen das Wort Sensibilisierung passender. Im Laufe dieses Prozesses hat sich meine Sicht auf die Welt verändert, ich habe in gewisser Weise die Brillengläser gewechselt. Oder gereinigt. Mein Blick ist klarer, die rosarote Farbe abgeblättert. Ich laufe nicht mehr mit Scheuklappen durch die Welt (oder zumindest nicht mehr mit so großen), ich sehe jetzt auch die Dinge und die Menschen am Rand. Was bleibt ist ein unverstellter Blick auf eine gesellschaftliche Realität, angesichts derer ich mir am liebsten gleich komplett die Augen zuhalten würde. Das Schlimme ist, dass ich in der Regel von Menschen umgeben bin, die all das nicht wahrnehmen und mich für verrückt erklären. Die mir weismachen wollen, ich würde Dinge sehen, ja sehen wollen, die gar nicht da sind. Die aufhören, mich ernst zu nehmen und sich angegriffen fühlen, wenn ich meinerseits versuche, ihr Weltbild in ein anderes Licht zu rücken. Die sich eigentlich ganz wohl fühlen in einem System, dass es ihnen ermöglicht all das nicht erkennen zu müssen und trotzdem nicht zu stolpern. Als ob es ihnen egal wäre, worüber sie steigen, so lange sie nicht fallen.

Rosabrillen gibt es nicht für alle und auch nicht im Ausverkauf. Sie sind Luxus, ihr Besitz ein Privileg. Wenn deine kaputt ist, einen Sprung hat, dann bist du draußen. Dann gehörst du nicht mehr dazu, dann kannst du nicht mehr mitreden, mitlachen, drüber-hinweg-sehen. Dann sehen andere Brillenträger*innen dich als Gefahr und versuchen ihre Brillen vor dir zu schützen. Wenn die Rosabrille bei deiner Geburt nicht zur Grundausstattung gehört, wirst du noch viel früher lernen, wie wenig deine Sichtweise zählt. Dann bist du ein Störfaktor in der Zuckerwattewelt der Mehrheitsgesellschaft, etwas grundsätzlich und ganz und gar Anderes.

Als Brillentragende hast du jeden Tag die Wahl, dich für oder gegen sie zu entscheiden oder zumindest den Grad der Tönung zu reduzieren. Du kannst Menschen zuhören und Glauben schenken, deren Horizont ein anderer ist, weil ihr Alltag ein anderer ist, weil ihr Blick ein anderer ist. Du kannst jederzeit aufhören, dich auf deinen Privilegien auszuruhen, du kannst Austreten aus dem exklusiven Club der Verblendeten. Du hast jeden Tag aufs Neue die Chance, dir die Zuckerwatte aus den Ohren und die Rosafarbe von den Gläsern zu kratzen und dich dem zu stellen, was für andere Normalität ist.

Der Entschluss, den ich vor vielen Jahren gefasst habe, lautet: Solange es keine Rosabrillen für alle gibt, möchte ich meine auch nicht tragen.

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