viruletta. http://viruletta.blogsport.de Sat, 04 May 2013 20:23:20 +0000 http://wordpress.org/?v=1.5.1.2 en »Die Scham ist vorbei.« http://viruletta.blogsport.de/2013/05/04/die-scham-ist-vorbei/ http://viruletta.blogsport.de/2013/05/04/die-scham-ist-vorbei/#comments Sat, 04 May 2013 20:18:22 +0000 viruletta Allgemein http://viruletta.blogsport.de/2013/05/04/die-scham-ist-vorbei/ Weil es mir so viel gegeben hat, will ich dieses Zitat mit euch teilen:

Wirst du nun glücklich davon, von dem Feminismus, fragt jemand.
Naja, nein, manchmal, sage ich zögernd. Glücklich? Einfacher ist es sicher nicht. Wir überfordern uns regelmäßig durch unsere eigenen Ideale, bringen noch so wenig davon zustande. Sisterhood is powerful – it can kill you. Und doch können wir nur weiter vorwärts, wir können nicht mehr zurück. Auch die Abtrünnigen, die die Ideale nicht leben können, machen weiter. Auch ich mache weiter, wenn ich mich einige Zeit zurückgezogen habe, um mich zu erholen. Laßt uns Geduld miteinander haben und uns ehrlich die Dinge eingestehen, die wir noch nicht können. Aber wir sollten uns nicht schämen. Sentimental, sage ich, während ich meinen Kritikern in die Augen schaue, sicherlich, ich bin sentimental, ich weine bei Filmen. Ich verstecke meine Verletzbarkeit manchmal hinter einer dünnen Schicht Zynismus.
Überempfindlich, zu emotional, vielleicht sogar paranoid. Ich sehe, wie in grellem Scheinwerferlicht, zehnfach vergrößert, die täglichen Details meiner Unterdrückung, die täglichen Details des Schmerzes anderer Frauen. Ich habe keine Abwehr mehr dagegen, keine Scheuklappen, ich sitze mittendrin wie ein Muscheltier ohne Schale.
Selbstmitleid? Sicher. Ich kann in Selbstmitleid schwimmen, ich kann mich darin wie ein Schwein im Schlamm suhlen.
Nachtragend. Auch das.
Aber keine Scham. Die Scham ist vorbei.

Geschrieben hat es Anja Meulenbelt und zwar schon im Jahr 1976. (Ihr findet es in ihrem autobiographischen Werk »Die Scham ist vorbei. Eine persönliche Erzählung.« auf Seite 20.) Ich finde mich fast 40 Jahre später noch in jedem ihrer Worte wieder.

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Gegen das Verstummen. http://viruletta.blogsport.de/2013/03/10/gegen-das-verstummen/ http://viruletta.blogsport.de/2013/03/10/gegen-das-verstummen/#comments Sun, 10 Mar 2013 12:17:58 +0000 viruletta Klassismus http://viruletta.blogsport.de/2013/03/10/gegen-das-verstummen/ Über Klassismus kann ich bis heute kaum reden und es hat lange gedauert, bis ich mich überwinden konnte, darüber zu schreiben. In den letzten Tagen habe ich drei unglaublich gute, wichtige, empowernde Texte zu eigener Betroffenheit und dem Fehlen von Schutzräumen und Verbündeten gelesen. In dem letztverlinkten hat mich ein Absatz zum Weinen gebracht, etwas, was ich mir im Bezug auf dieses Thema erst viel zu selten gestattet habe. Weil ich mir das Thema selbst bisher noch viel zu selten gestattet habe. Und zwar genau aus diesem Grund:

Ich spüre, ich kann diesen Artikel eigentlich garnicht schreiben, weil es wehtut, und es so schwer ist, laut zu werden ohne biografisch zu sein und wie schwer es ist, biografisch zu sein und mir dabei nicht selbst weh zu tun.

Mir selbst weh tun. Und mich verletzbar machen. Ich bin vor ein paar Wochen das erste Mal bei einem Klassismus-Workshop gewesen und habe danach einen Text angefangen, den ich bisher weder zuende schreiben, noch veröffentlichen konnte. Weil ich in all diesen Jahren genauso zum Verstummen gebracht worden bin wie ihr. Aber ich will nicht mehr still in mich hinein leiden und meine Betroffenheit verstecken müssen. Ich habe es satt (Redewendung). Genau wie ihr, die ihr diese tollen Blogbeiträge geschrieben habt. Und mir zum ersten Mal das Gefühl gebt, dass es Menschen gibt, mit denen es ein „Wir“ geben könnte. Und zwar auch dann noch, wenn ich offenlege, wer ich bin und woher ich komme. Dass das ewige Verstecken vielleicht irgendwann ein Ende haben kann, haben könnte. Ich bin euch unsagbar dankbar dafür. Und hier ist der Text, den ich unmittelbar nach dem Workshop-Besuch geschrieben habe:

In einem Klassismus-Workshop sitzen und plötzlich Druck auf der Brust fühlen. Schwindel. Das Gefühl, hier raus zu müssen. Aber dann: die Angst aufzufallen. Sich zu outen. Geoutet zu werden. Die leise Stimme, die sich in deinem Kopf bemerkbar macht: Das kennst du. Das war bei dir genauso. Die Stimme, die so viele Jahre geschwiegen hat. Die du zum schweigen bringen wolltest, willst. Auch jetzt wieder. Schmerz. Mit Tränen kämpfen. Sich selbst fragen, wieso mensch denn jetzt so verdammt emotional reagiert. Die anderen reden hören. Über „wir“ und „die“. Wissen, dass sie dich zu „wir“ zählen. Wissen, dass du eigentlich zu „die“ gehörst. Gehört hast. Wissen, dass dein Leben ein fein gesponnenes Netz aus Lügen geworden ist. Damit du nicht auffällst. Lügen, die du irgendwann selber angefangen hast zu glauben. Das Gefühl, immer ein bisschen besser sein zu müssen als der Rest, um wie sie zu sein. Weil da etwas ist, was dir anhaftet. Was irgendwo tief in dir noch da ist. Verschüttet. Verdrängt. Weil da so viele Jahre an Erfahrungen sind, über die du nicht reden kannst. Weil da so viel Scham ist. Und Schmerz. Und Angst. Die Leute, die im autonomen Zentrum neben dir sitzen, sind doch nur eine Schnittmenge der Leute, mit denen du damals zum Gymnasium gegangen bist. Und hinter deinem Rücken, da würden sie reden. Paranoia? Oder Erfahrung? Ein Schutzschild aus Wissen, das du dir aufgebaut hast. Vokabular, einen Wortschatz. In der autonomen Linken tragen doch eh alle kaputte Klamotten. Da fällst du nicht auf. Keine*r weiß, dass du deine kaputten Schuhe nicht weiter trägst, weil es gerade irgendwie schick ist, sondern weil du kein Geld für neue hast. Unsichtbar werden. Teil von etwas werden. Und trotzdem weiter lügen müssen. Themen, die du umgehst wie einen Abgrund, in den du jederzeit wieder fallen könntest. Du balancierst am Rand. Suchst nach etwas zum Festhalten. Alle Kraft geht dafür drauf.

Auf der einen Seite ist die autonome Linke mein Rettungsanker, weil sie mir überhaupt sowas wie ein gesellschaftliches Leben ermöglicht. Weil Partys dort in der Regel keine 10€ Eintritt kosten. Getränke teilweise zum Einkaufspreis rausgegeben werden. Nicht immer Konsumzwang vorherrscht. Weil nicht von dir erwartet wird, Markenklamotten zu tragen. Oder auch nur eine breite Gaderobe zu besitzen. Oder auch nur löcherfreie Kleidung zu tragen. Für mich gibt es im Grunde keine Alternative zu dieser Szene, selbst wenn ich wollte. Und trotzdem ist sie alles andere als ein Schutz- oder Freiraum für mich. Trotzdem geht das Lügen weiter, das Verstecken. Trotzdem muss ich weiterhin so tun, als ob das einfach „mein Stil“ ist, als ob ich es mir so ausgesucht hätte. Vielleicht würde ich das ja sogar, wenn ich die Wahl hätte. Aber ich weiß es nicht, weil ich die nie gehabt habe.

Über Sexismus zu reden fällt mir so viel leichter, weil meine Betroffenheit hier offensichtlich erscheint. Und weil es nichts ist, was ein Großteil der Leute irgendwie für selbstverschuldet hält. Bei Klassismus ist das ganz anders. Entweder liegt es an meinen Eltern oder es liegt an mir. Und wenn ich mich „oute“, dann sehen die Anderen mich plötzlich in einem anderen Licht. Weil es sie überrascht. Weil sie nicht damit gerechnet hätte. Warum eigentlich nicht? Wenn ich über Dinge rede oder Dinge tue, die nicht in das stereotype Bild passen, dann bin ich „die Ausnahme“. Aber noch schlimmer ist es, über Dinge zu reden, die ins Bild passen. Denn dann haben sie mich erwischt. Dann fühle ich mich schuldig. Immer noch.

Ich will nicht mehr schweigen. Ich will reden. Aber ich will reden, mit Menschen, die mich verstehen. Und zwar nicht (nur), weil sie darüber gelesen haben. Ich will mich austauschen können, ohne die Angst, verurteilt zu werden. Ich will, dass meine Probleme und auch meine Bedenken ernst genommen werden. Dass sie nicht kleingeredet oder als Nebenproblem abgetan werden. Ich will nie wieder das Gefühl haben, mich rechtfertigen zu müssen, weil ich Klassismus zum Thema mache. Und ich will nicht die Einzige sein, die Klassismus zum Thema macht. Deshalb schließe ich mich ClaraRosa an:

Ich will euch kennenlernen! Ich will mich mit euch organisieren und gegen die Kapitalist_innen in unseren eigenen Reihen demonstrieren.

Ich will Krawall. Aber so richtig – bis wir nicht mehr weg ignoriert werden können.

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Solidarität und Unterstützung – auch für “unperfekte Opfer”. http://viruletta.blogsport.de/2013/02/26/unperfekte-opfer-verdienen-trotzdem-solidaritaet-immer/ http://viruletta.blogsport.de/2013/02/26/unperfekte-opfer-verdienen-trotzdem-solidaritaet-immer/#comments Tue, 26 Feb 2013 11:42:32 +0000 viruletta Gewalt http://viruletta.blogsport.de/2013/02/26/unperfekte-opfer-verdienen-trotzdem-solidaritaet-immer/ Triggerwarnung: Victim Blaiming (Schuldumkehrung), Gewalt gegen Frauen*, Gewalt innerhalb von (heterosexuellen) Paarbeziehungen.

Vorweg: Dieser Beitrag basiert auf eigenen Erfahrungen und Wissensstände. Ich will mir keinesfalls anmaßen, für alle zu sprechen – nur die Betroffenen selbst können entscheiden, was für sie in der jeweiligen Situation das Beste ist.

Vor einer halben Ewigkeit habe ich einen sehr wichtigen Blogbeitrag gelesen, der einiges in mir angestoßen hat. In dem konkreten Beitrag ging es um das Beispiel der Prostitution. Darum, dass Gewalt gegen Personen, die in diesem Bereich tätig sind, oftmals sehr unterschiedlich bewertet wird. Je nachdem, wie „selbstverschuldet“ sie sich in diese Lage gebracht zu haben scheinen. Sind sie Opfer von Menschenhandel geworden, gelten sie als „unschuldig“ und Hilfe ihnen gegenüber als moralische Pflicht. Haben sie sich jedoch scheinbar „freiwillig“ für die Sexarbeit entschieden (so freiwillig, wie Lohnarbeit eben sein kann), gilt ihr Lage als „selbst-“ oder zumindest „mitverschuldet“. Die Allgemeinheit fühlt sich in diesem Fall weniger dazu verpflichtet, den Schutz der Menschenrechte dieser Betroffenen durchzusetzen. Dies ist jedoch keineswegs der einzige Fall, in dem das künstlich erschaffene Bild des „perfekten/ verdienenden“ Opfers all jenen schadet, die ihm nicht entsprechen.

Ähnliches gilt auch für Personen, die sich entscheiden (vorerst) in Gewaltbeziehungen zu bleiben. Zu dem Zeitpunkt, an dem die Gewalt öffentlich gemacht wird, schlagen sich viele auf die Seite der Betroffenen. Sie versuchen, ihnen zu helfen. Vielleicht sogar sie zu „retten“. Nehmen die Betroffenen die Hilfe jedoch nicht (dauerhaft) an, macht sich bei den Helfenden zumeist Verständnislosigkeit, oft sogar Wut breit. Diese gilt ab einem gewissen Zeitpunkt häufig nicht mehr (nur) dem*der Täter*in, sondern immer stärker auch den Betroffenen. „Langsam kann ich ihr auch nicht mehr helfen“, oder: „Irgendwann ist sie auch selber Schuld“ sind Sätze, die in diesem Zusammenhang viel zu oft fallen.

Die Popsängerin Rihanna ist ein berühmtes Beispiel hierfür. Kurz nachdem ihr Freund Chris Brown sie Anfang 2009 brutal zusammengeschlagen hatte, tauchten in sämtlichen Medien Bilder von ihrem geschundenen Gesicht auf. Die Gewalt, die Chris Brown ihr angetan hatte, stieß eine öffentliche Diskussion zum Thema „häusliche“ Gewalt an. Bezeichnenderweise nahm seine Karriere dadurch trotzdem keinen dauerhaften Schaden. Inzwischen führen die beiden wieder eine Paarbeziehung. Dafür hagelt (RW=Redewendung) es sehr viel Kritik. Diese richtet sich merkwürdigerweise jedoch zum Großteil gegen Rihanna und nicht gegen Chris Brown.

In vielen Besprechungen zum Album mischt sich eine gute Portion Empörung: Rihanna sei ein schlechtes Vorbild für junge Mädchen und Frauen. Sie käme ihrer Verantwortung als Role-Model nicht nach, wurde Rihanna etwa vom US-Magazin „Billboard“ in einem offenen Brief getadelt, nachdem Chris Brown bereits im Frühjahr bei einer Remix-Version ihrer Single „Birthday Cake“ aufgetreten war. KünstlerkollegInnen zeigen sich „persönlich“ enttäuscht, Fans wenden sich ab unter der Klage, dass sie „jeglichen Respekt“ für Rihanna verloren hätten.

Rihanna, der die Gewalt angetan worden ist, ist nun also das schlechte Vorbild? Nicht etwa Chris Brown, der die Gewalt ausgeübt hat?! Dass die Verantwortung für die Gewalt von den meist männlichen Tätern auf die zumeist weiblichen* Betroffenen übertragen wird, ist kein Sonderfall. In unserem strukturell sexistischen System ist es die Regel. Und einer der Gründe dafür, weshalb „häusliche“ Gewalt für Frauen* in Europa zwischen 16-44 Jahren die häufigste Todes- und Verletzungsursache (PDF) ist. Und zwar noch vor Verkehrsunfällen und Krebs. Daran kann und wird sich nur etwas ändern, wenn sich auch die Sichtweise auf Gewalt gegen Frauen* verändert.

Solidarität darf nicht dort aufhören, wo die Betroffenen eigenmächtige Entscheidungen treffen. Auch wenn sie den Unterstützenden missfallen. Es gibt viele Gründe für Betroffene, (vorerst) in Gewaltbeziehungen zu bleiben. Oder dorthin zurückzukehren. Kein einziger davon muss den Unterstützenden logisch erscheinen. Oftmals spielen Abhängigkeitsverhältnisse eine große Rolle. Oftmals braucht der Entschluss, die Beziehung zu verlassen, Zeit. Vielleicht, um sich das Geschehene bewusst zu machen. Vielleicht, um Perspektiven für das Leben danach zu schaffen. Vielleicht auch nur, um Kraft zu sammeln. Wichtig ist, dass die Betroffenen trotzdem weiterhin auf Unterstützung zählen können. Dass sie weiterhin über die Gewalt reden können, ohne dafür sanktioniert zu werden. Dass ihnen weiterhin bewusst gehalten wird, dass die Schuld für die Gewalt nicht bei ihnen liegt. Und zwar unter keinen Umständen.

Die Täter*innen bleiben Täter*innen. Die Gewalt, die sie ausüben wird nicht weniger schlimm, je länger sie ertragen wird. Dass sie ertragen wird, entschuldigt oder verharmlost das gewalttätige Verhalten in keinster Weise.

Für Unterstützende ist es sicher schwer, mit anzusehen, wie einer Person (immer wieder) Gewalt angetan wird. Dass dadurch Ohnmachtsgefühle und auch Wut entstehen, ist verständlich. Allerdings sollte sich diese Wut immer und ausnahmslos gegen die Täter*innen richten. Alles andere führt nur dazu, dass die Betroffenen immer weiter isoliert werden. Das wiederum bildet den Nährboden (RW) für weitere, vielleicht sogar noch stärkere Gewalt. Wenn Betroffene sich auf Dauer aus Gewaltbeziehungen befreien wollen, müssen sie die Unterstützenden als Verbündete wahrnehmen können. Und nicht (so widersinnig es auch erscheinen mag) die Täter*innen.

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Über Geld reden. http://viruletta.blogsport.de/2013/02/15/ueber-geld-reden/ http://viruletta.blogsport.de/2013/02/15/ueber-geld-reden/#comments Thu, 14 Feb 2013 22:22:41 +0000 viruletta Klassismus http://viruletta.blogsport.de/2013/02/15/ueber-geld-reden/ Über Geld redet mensch nicht – das ist eine Aussage, die eine*r sich erstmal leisten können muss. Über Geld nicht reden zu müssen, bedeutet genug zu haben, um deinen Freund*innen nicht erklären zu müssen, dass du wieder nicht mit auf die Party/ in den Urlaub/ zum dem Theaterstück gehen kannst, weil du eben kein Geld hast. Es bedeutet, andere nicht danach fragen bzw. darum bitten zu müssen, dir welches zu leihen, weil du sonst nicht weißt, wie du die Tierarztbehandlung für deinen Hund oder die nächste Stromrechnung bezahlen sollst. Es bedeutet, dass du dich nicht mit anderen (Wahl)Familienmitglieder absprechen musst, bevor du dir den Luxus von Kosmetikprodukten „gönnst“, weil erst mal feststehen muss, dass auch danach noch genug Geld für Grundnahrungsmittel übrig ist. Es bedeutet, den Leuten aus der Universitätsverwaltung nicht erklären zu müssen, dass du den Semesterbeitrag wieder nicht rechtzeitig überweisen konntest, weil du verdammt nochmal nicht wusstest, wo du das Geld hernehmen solltest. Es bedeutet noch viel, viel mehr. Aber das hier sind meine Erfahrungen. Ihr könnt in den Kommentaren gerne ergänzen.

„Scheiß auf Geld“, das ist genauso ein Satz. Konnte ich nicht, werde ich vermutlich nie können. Geld hat in meinem Leben eine Rolle gespielt, so lange ich denken kann. Und das ist zu lange, das war zu früh. Ich weiß nicht, wie es sich anfühlt, Geld für etwas auszugeben, was nicht über_lebensnotwendig ist, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Ohne im Hinterkopf dieses dumpfe Gefühl zu spüren, vermutlich ist es Reue; es wird irgendwo anders fehlen. Ich gehe nicht oft ins Kino, aber wenn, dann sitze ich neunzig Minuten lang da und denke über die 8€ nach, die ich gerade ausgegeben habe. Stiche im Magen. Gewissensbisse. Zu viel Luxus. Zumindest für mich. Eine permanente Belastung, ein Schatten, der immer nah bei mir, hinter mir ist. Stress. Existenzielle Ängste. Angst, die zu Panik wird. Ein Leben in finanzieller Unsicherheit hinterlässt seine Spuren. Panikattacken. Nachts nicht schlafen können, aber am nächsten Morgen trotzdem wieder funktionieren müssen. Leere im Kopf. Sorgen. Kummer.

Und dabei ist Geld das Privileg, was eine*r am einfachsten teilen kann. Andere mal einladen – egal ob auf ein Bier, einen Saft oder eine Urlaubsreise. Mietanteile nicht nach Zimmergrößen staffeln, sondern nach Einkommen. Einfach mal mehr Geld in die Haushaltskasse stecken. Ohne Gegenleistungen zu erwarten. Anderen aushelfen. Das Geld nicht zurückfordern, wenn eine*r es eigentlich gar nicht braucht. Kein schlechtes Gewissen dafür einreden. Das haben Leute, die in armen Verhältnissen leben oder leben mussten, sowieso fast immer. Weil ihnen von allen Seiten genau das gespiegelt wird: Schuld. „Du kannst nicht mit Geld umgehen“, „Du bist zu faul“, „Such dir doch einen Job“, „Warum zieht ihr nicht um?“, „Brauchtest du das denn jetzt wirklich?“. Sich rechtfertigen müssen. Für das Handy. Den Internetanschluss. Die vegane Ernährungsweise. Für jede Stunde Freizeit, die nicht stattdessen in „Geldverdienen“ investiert worden ist. Für die eigene Existenz. Zumindest gefühlt.

Und alle schimpfen auf den Kapitalismus. Reden von „sozialer Ungleichheit“. Und finden das irgendwie ganz schön unfair. Haben reiche Eltern und tragen trotzdem zerschlissene Klamotten. Erzählen mir dann ganz stolz, dass sie ja auch nur von 400€ im Monat leben. Mehr „brauchen“ sie nicht. Und ich sage ihnen, dass mich diese linke Verzichtsethik ankotzt. Dass es doch nicht schlimm ist, dass es Leute gibt, die viel Geld haben – schlimm ist, dass es Leute gibt, die keins haben. Oder zu wenig. Umverteilen bringt mehr als verzichten. Er sagt zu mir: „Aber wenn ich die Miete alleine übernehmen würde, und meine Mitbewohnerin dann ihre Aufgaben im Haushalt nicht erledigen würde, würde ich mich ärgern, ihr das Geld gegeben zu haben“. Geld als Sanktionsmittel. Weil Geld Macht bedeutet. „Wenn du nicht tust, was ich will, streiche ich dir das Geld“. Asymmetrische Beziehungen – was bleibt der Mitbewohnerin, wenn er seinen Aufgaben nicht nachkommt? Nichts. Oder zumindest nicht viel.

Micht kotzt es an, dass (auch innerhalb der Linken) über Geld nicht geredet wird. Und wenn doch, wie darüber geredet wird. Dass es Leuten so unangenehm ist, darüber zu reden. Denen, die welches haben, scheinbar noch viel mehr, als denen, die keins haben. Dass ich das Gefühl habe oder mir sogar bewusst das Gefühl gegeben wird, dass ich mich schlecht fühlen muss, wenn ich das Thema anspreche. Wenn ich konstruktive Kritik übe. Ich sehe gedanklich vor mir, wie in ihren Köpfen Sprechblasen aufploppen. Sie enthalten Worte, die mit Sch… beginnen. Worte, die ich hier nicht wiedergeben will. Kann. Weil sie nicht triggerfrei wären. Weil sie schmerzhaft wären. Anklagend. Weil zu viele von uns sie zu oft gehört haben. Spätestens beim Gang zum Arbeitsamt.

Wenn es schon keine Gerechtigkeit gibt, dann wünsche ich mir wenigstens mehr Solidarität.

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Eintrittskarte zum Elfenbeinturm http://viruletta.blogsport.de/2012/11/09/eintrittskarte-zum-elfenbeinturm/ http://viruletta.blogsport.de/2012/11/09/eintrittskarte-zum-elfenbeinturm/#comments Fri, 09 Nov 2012 10:33:23 +0000 viruletta Klassismus http://viruletta.blogsport.de/2012/11/09/eintrittskarte-zum-elfenbeinturm/ Ich habe in den letzten Monate eine sehr merkwürdige Entwicklung durchgemacht. Auf der einen Seite habe ich mich auf einer theoretischen Ebene verstärkt mit Klassismus auseinandergesetzt, auf der anderen Seite gehe ich seit ein paar Wochen wieder zur Uni und erlebe dort tagtäglich Selbstdarstellerei und einen übermäßigen Gebrauch von Fachbegriffen. Das hat mich schon immer irgendwie gestört, aber bisher habe ich den Fehler eher bei mir gesucht; DU weißt noch nicht genug, DU bist nicht klug genug, DU lernst nicht genug für die Uni, DU bist hier vielleicht sogar letzten Endes fehl am Platz (RW: Redewendung). Ich gehe inzwischen seit knapp zwei Jahren wieder zur Uni und habe in dieser Zeit natürlich viel gelernt. Ich weiß, was von mir dort erwartet wird, ich kenne die Umgangsformen und viele der Begriffe. Ich kann mich einigermaßen zurecht finden im Fachjargon, kann auch selbst mit Begriffen und Theorien um mich schmeißen, wenn mir danach ist. Ich habe mich angepasst. Ich bin nicht mehr ganz so sehr draußen, sondern werde immer mehr zur (Mit-)Wissenden. Die Eintrittskarte zum Elfenbeinturm1 liegt in meinen Händen (RW).

Die letzten beiden Tage habe ich auf einer Konferenz in der Uni verbracht. Es sollte um Geschlecht und Arbeit gehen und die Frage, in welche Richtung sich unsere Gesellschaft diesbezüglich gerade bewegt. Für mich ist das ein Thema, mit dem ich mich jetzt schon etwas länger beschäftige, und ich habe mich eigentlich sehr auf diese zwei Tage gefreut. Letzten Endes konnte ich aber gar nicht so viel davon mitnehmen, außer eine gehörige Portion Ärger im Bauch. Ich sollte vielleicht vorweg schicken, dass ich mit meinem vierten Fachsemester im Bachelor zu dem nach universitären Maßstäben „ungebildeten“ Teil des Publikums gehörte. Die meisten anderen hatten schon mindestens einen Abschluss gemacht – viele bereits mehrere. Dementsprechend wenig wurde auch darauf geachtet, dass das Gesagte für alle verständlich bleibt. Die Vorträge waren trocken, abstrakt und es wurden so gut wie keine Beispiele genannt. Konzepte und Namen von Theoretiker*innen wurden aufgegriffen, ohne dass auch nur ein Wort darüber verloren wurde – das Wissen um deren Bedeutung wurde vorausgesetzt. Bevor eine Person das Wort ergriff (RW) wurden erstmal Titel und vergangene sowie aktuelle Forschungsprojekte aufgezählt. Das alles wirkte sehr einschüchternd und hat sicher viel dazu beigetragen, dass sich an beiden Tagen in erster Linie Personen zu Wort meldeten, die mit Professor*in oder Doktor*in angesprochen werden wollten.
Auf einer Nachbesprechung der Konferenz habe ich heute die Unverständlichkeit der Vorträge thematisiert. Die Antwort auf meine Kritik lautete: am Anfang vom Studium ist das nunmal so, da musst du versuchen, so viel aus dem Gesagten rauszuziehen, wie es geht – der Rest ergibt sich im Laufe der Zeit von selbst. Und ich bezweifle tatsächlich nicht, dass ich in ein paar Jahren dazu in der Lage sein könnte, entsprechende Vorträge zu Hundert Prozent zu verstehen. Wahrscheinlich könnte ich sogar selber welche halten. Die Frage ist für mich viel eher: will ich das?

Ich studiere Sozialwissenschaften, und zwar weil ich mir davon auf der einen Seite erhofft habe, von den existenziellen Ängsten wegzukommen, die mein bisheriges Leben bestimmt haben. Auf der anderen Seite habe ich gehofft, mit diesem Studium ein Werkzeug an die Hand zu bekommen, um vielleicht sogar Einfluss auf die gesellschaftlichen Strukturen gewinnen zu können, die für die sozialen Ungleichheiten und gesellschaftlichen Unterdrückungsverhältnisse verantwortlich sind. Dieses Werkzeug wollte ich dann mit anderen Teilen, weshalb ich auch mit dem bloggen angefangen habe – Wissen teilen, von und mit anderen lernen war mein Ziel. Und nun wird mir mehr und mehr bewusst, dass (m)ein Studium gar nicht dazu gedacht ist, mit anderen Teilhaber*innen dieser Gesellschaft weiterhin im Austausch zu bleiben. Es soll viel mehr dazu befähigen, ÜBER Andere reden zu können, aber nicht MIT ihnen.

Wenn ich mir heute vergegenwärtige, dass ich noch bis vor kurzem mit dem Gedanken gespielt habe, mich später um einen Job in der Uni zu bemühen und mein ganzes Leben lang Forschung und Lehre zu betreiben, wird mir die Naivität, mit der ich bisher an die Institution Universität herangegangen bin, nur allzu bewusst. Und dann denke ich zurück an all die Bekannten und Freunde (ja, es waren immer Männer), die mir im Laufe meines Lebens schon was von Marx erzählen wollten und dem revolutionären Klassenkampf, und von denen ich immer wusste, dass sie aus viel reicheren Elternhäusern kamen als ich. Und ich erinnere mich, dass ich mich in solchen Debatten meistens unwohl gefühlt habe (und bis heute fühle), weil ich immer das Gefühl hatte, aufgrund meines Hintergrundes die Theorien kennen zu müssen (schließlich würde es „meine“ Revolution werden), sie aber für ziemlich unverständlich hielt. Kurz gesagt: da schreibt einer über meine Probleme in einer Sprache, die ich nicht verstehe. Heike Weinbach und Andreas Kemper haben in ihrem Buch „Klassimus – eine Einführung“ auch auf genau das hingewiesen:

„Betrachten wir die Wissenschaftler und Autoren, so wird deutlich, dass die Bezugspunkte häufig Theorien von Männern (wie Karl Marx, Max Weber, Pierre Bourdieu u.a.) sind, die aus den sogenannten Mittel- und Oberschichten kommen oder von diesen anerkannt werden. Ihre Bedeutung und ihre Begriffe für Wissenschaft, Forschung und Philosophie wurden in einem Herrschaftssystem, das klassenstrukturiert ist, konstruiert.“

Wissen und Wissenschaft ist nicht objektiv. Was dort gelehrt wird, ist nicht zufällig. Dass die Theoretiker, deren Thesen du zum bestehen deines Studiums kennen musst, nahezu durchweg weiß, männlich und christlich (gewesen) sind, bedeutet nicht, dass diese Personen die bedeutensten Gedanken hervorgebracht haben. Es bedeutet viel mehr, dass diese Personen von einem ungerechten Herrschaftssystem anerkannt waren. Geschichte wird gemacht. Wer als wichtig eingestuft wird, sagt meistens mehr über die Gesellschaft als über die Person selbst aus.

Ich dachte, wenn ich später an der Uni lehren würde, dann könnte ich vielleicht ein bisschen Einfluss darauf nehmen, über was und wen gesprochen wird. Dann könnte ich vielleicht ein paar Menschen Denkanstöße geben, die später Zugang zu gesellschaftlicher Macht haben werden. Dann würde vielleicht einiges besser werden. Von „Oben“ aus gesteuert. Heute sehe ich das anders. Ich habe keine Lust, mich für den Rest meines Lebens nur mit dem privilegierteren Teil unserer Gesellschaft auseinanderzusetzen. Ich möchte nicht für einen Großteil der Menschen unverständlich werden. Ich will nicht in erster Linie mit Fachbegriffen arbeiten (müssen), für die es keine richtigen Übersetzungen gibt, weil das so gar nicht vorgesehen ist. Weil sowieso nur ein kleiner Teil der an dieser Gesellschaft teilhabenden Menschen als „relevant genug“ eingestuft wird, als dass die Diskussion mit ihnen von Bedeutung wäre.

Aber was ist die Konsequenz daraus? Der Universität den Rücken kehren (RW)? Jetzt und hier? Ich habe sogar wirklich darüber nachgedacht. Der für mich persönlich wichtigste Satz, der auf der besagten Konferenz gefallen ist, lautete: „Wir wollen kein Stück vom vergifteten Kuchen“. Ich würde das Zitat in einen anderen Kontext stellen, aber im Grunde fasst es meine Gedanken sehr genau zusammen: ich will mir keinen Platz in einem System erkämpfen, das auf Ungerechtigkeiten aufgebaut ist und in dem Ausschlüsse von vornherein vorgesehen sind. Aber die Werkzeuge, die will ich sammeln und behalten. Ich will sie teilen und zweckentfremden. Aber dafür muss ich es schaffen, verständlich zu bleiben. Dinge, die ich in der Uni lerne, so zu übersetzen, dass jede*r sie verstehen und anwenden kann. Auch wenn das, so traurig und bezeichnend es auch ist, etwas ist, was im universitären Kontext eigentlich nicht vorgesehen ist.

  1. Der Begriff Elfenbeinturm bezog sich ursprünglich auf einen Ort völliger Abgeschiedenheit von der Welt und wird heute meistens benutzt, um Personen (oftmals „Wissenschaftler*innen“) zu bezeichnen, die sich in einer Sprache ausdrücken, die für die meisten Menschen nicht mehr verständlich ist (zB aufgrund zu vieler Fachbegriffe) und die dadurch jeglichen Bezug zur Praxis verloren haben. [zurück]
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Von Aneignungen und (Re-)Traumatisierungen http://viruletta.blogsport.de/2012/09/13/von-aneignungen-und-re-traumatisierungen/ http://viruletta.blogsport.de/2012/09/13/von-aneignungen-und-re-traumatisierungen/#comments Thu, 13 Sep 2012 16:38:03 +0000 viruletta Privilegien http://viruletta.blogsport.de/2012/09/13/von-aneignungen-und-re-traumatisierungen/ Meinen letzten Sommer (den im Jahre 2011) habe ich damit verbracht, den Sl*twalk im Ruhrgebiet mitzuorganisieren, einiges über die Bewegung und das dazugehörige, noch sehr unausgereifte, Konzept zu bloggen und noch viel mehr darüber zu lesen. Ein zentraler Punkt in all diesen Texten, Diskussionen und Blogbeiträgen war hier immer auch der Umgang mit den Begrifflichkeiten, insbesondere dem Wort Sl*t/ Schl*mp*. Ich habe damals im maedchenblog einen ziemlich langen Eintrag dazu verfasst, inwiefern der Begriff in sein Gegenteil verkehrt und zur Selbstermächtigung beitragen könnte, wenn doch nur die richtigen Personen damit anfangen würden, ihn zu gebrauchen und sich selbst damit zu bezeichnen. Heute halte ich diesen Versuch gelinde gesagt für naiv, und damit meine eigentlich unreflektiert. Klar war ich irgendwo von dem Wort betroffen, aber wenn dann traf es mich immer nur im Kollektiv (dem, der Frauen*), nie als Individuum. Der einzige Grund, die einzige Motivation, mich mit diesem Wort zu verletzen, zielte auf mein (zugeschriebenes) Geschlecht (weiblich) ab – da war nichts intersektionelles, nichts herausstechendes, was dazu führte, dass ausgerechnet ich aus diesem Kollektiv herausgegriffen und mit dem Wort, der Beleidigung, bedacht, ja beworfen wurde. Folglich fiel es mir leicht, andere dazu aufzurufen, sich selbst zu befreien, in dem sie sich ein Wort aneignen sollten, was für viele Personen mit sehr viel mehr Schmerz und Wut und Erfahrungen behaftet war und ist, als es bei mir der Fall gewesen ist.

Heute bin ich einige Schritte weiter. Ich bin mir nun im Klaren darüber, dass es auch bei mir diese Wörter gibt, die ich am liebsten nie wieder, egal in welchen Kontexten und egal von welchen Personen, hören, sehen, lesen möchte. Für mich ist es insbesondere das Wort F*tz*. Das Wort triggert mich und selbst in der gespoilerten Schreibweise möchte ich es am liebsten gar nicht hier stehen haben. Wenn ich mit dem Wort konfrontiert werde, läuft mir ein Schauer über den Rücken und ich habe das Gefühl, als würde es augenblicklich ein bisschen kühler und dunkler um mich herum werden. Ich fühle mich unwohl, weil unterbewusst so viele negative Erinnerungen und damit verbundene Gefühle in mir hervorgerufen werden, dass ich das gar nicht wegintellektualisieren kann. Und ich habe dann auch eigentlich keine Lust, mich dafür erklären zu müssen, während ich noch mit den schmerzhaften und belastenden Gefühlen und Erfahrungen kämpfen muss, die das Wort in mir hervorgerufen hat. Und das im – schlimmsten Fall – auch noch in meiner comfort zone.

Ein Jahr habe ich gebraucht um zu begreifen, weshalb bestimmte Personen im letzten Jahr den Sl*twalks ferngeblieben sind, auch wenn sie das Thema für wichtig befunden haben. Das Worte triggern können, ist mir schon lange bewusst, und auch wenn ich von Triggerwarnungen meinem Empfinden nach bis heute nicht genügend Ahnung habe (auch etwas, das ich dringend nachholen sollte), halte ich sie für enorm wichtig. Es geht darum, Leute zu schonen und zu schützen, die Scheiße erlebt haben und immer wieder erleben müssen. Es geht darum, Rücksicht auf Empfindungen zu nehmen, auch wenn mensch sie nicht teilt oder auch nur nachempfinden kann. Und nicht zuletzt ist es auch mal wieder eine Frage der Privilegien. Wenn mir ein Wort nicht weh tut, von dem ich aber weiß, dass das bei anderen Menschen der Fall ist, sollte ich mich zuallererst fragen, warum es mir nicht weh tut. Und anschließend erst reden – mit anderen! – und dann handeln. Und im Zweifelsfall auf eine Strategie, eine vermeintliche Waffe verzichten, wenn sie nicht nur die verletzt, auf die sie abzielen sollte – sondern auch oder vielleicht sogar in erster Linie die, die ich vorgeblich damit befreien oder schützen wollte.

(Danke Clara Rosa für den Denkanstoß.)

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Die Brille. http://viruletta.blogsport.de/2012/08/26/die-brille/ http://viruletta.blogsport.de/2012/08/26/die-brille/#comments Sun, 26 Aug 2012 17:58:23 +0000 viruletta Privilegien http://viruletta.blogsport.de/2012/08/26/die-brille/ Irgendwann hat in meinem Leben ein Prozess begonnen, der gemeinhin als Politisierung bezeichnet wird. Ich finde inzwischen das Wort Sensibilisierung passender. Im Laufe dieses Prozesses hat sich meine Sicht auf die Welt verändert, ich habe in gewisser Weise die Brillengläser gewechselt. Oder gereinigt. Mein Blick ist klarer, die rosarote Farbe abgeblättert. Ich laufe nicht mehr mit Scheuklappen durch die Welt (oder zumindest nicht mehr mit so großen), ich sehe jetzt auch die Dinge und die Menschen am Rand. Was bleibt ist ein unverstellter Blick auf eine gesellschaftliche Realität, angesichts derer ich mir am liebsten gleich komplett die Augen zuhalten würde. Das Schlimme ist, dass ich in der Regel von Menschen umgeben bin, die all das nicht wahrnehmen und mich für verrückt erklären. Die mir weismachen wollen, ich würde Dinge sehen, ja sehen wollen, die gar nicht da sind. Die aufhören, mich ernst zu nehmen und sich angegriffen fühlen, wenn ich meinerseits versuche, ihr Weltbild in ein anderes Licht zu rücken. Die sich eigentlich ganz wohl fühlen in einem System, dass es ihnen ermöglicht all das nicht erkennen zu müssen und trotzdem nicht zu stolpern. Als ob es ihnen egal wäre, worüber sie steigen, so lange sie nicht fallen.

Rosabrillen gibt es nicht für alle und auch nicht im Ausverkauf. Sie sind Luxus, ihr Besitz ein Privileg. Wenn deine kaputt ist, einen Sprung hat, dann bist du draußen. Dann gehörst du nicht mehr dazu, dann kannst du nicht mehr mitreden, mitlachen, drüber-hinweg-sehen. Dann sehen andere Brillenträger*innen dich als Gefahr und versuchen ihre Brillen vor dir zu schützen. Wenn die Rosabrille bei deiner Geburt nicht zur Grundausstattung gehört, wirst du noch viel früher lernen, wie wenig deine Sichtweise zählt. Dann bist du ein Störfaktor in der Zuckerwattewelt der Mehrheitsgesellschaft, etwas grundsätzlich und ganz und gar Anderes.

Als Brillentragende hast du jeden Tag die Wahl, dich für oder gegen sie zu entscheiden oder zumindest den Grad der Tönung zu reduzieren. Du kannst Menschen zuhören und Glauben schenken, deren Horizont ein anderer ist, weil ihr Alltag ein anderer ist, weil ihr Blick ein anderer ist. Du kannst jederzeit aufhören, dich auf deinen Privilegien auszuruhen, du kannst Austreten aus dem exklusiven Club der Verblendeten. Du hast jeden Tag aufs Neue die Chance, dir die Zuckerwatte aus den Ohren und die Rosafarbe von den Gläsern zu kratzen und dich dem zu stellen, was für andere Normalität ist.

Der Entschluss, den ich vor vielen Jahren gefasst habe, lautet: Solange es keine Rosabrillen für alle gibt, möchte ich meine auch nicht tragen.

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Kann ich aufhören zu sein, was Andere in mir sehen? http://viruletta.blogsport.de/2012/07/17/kann-ich-aufhoeren-zu-sein-was-andere-in-mir-sehen/ http://viruletta.blogsport.de/2012/07/17/kann-ich-aufhoeren-zu-sein-was-andere-in-mir-sehen/#comments Tue, 17 Jul 2012 20:57:51 +0000 viruletta Privilegien http://viruletta.blogsport.de/2012/07/17/kann-ich-aufhoeren-zu-sein-was-andere-in-mir-sehen/ Ich befasse mich jetzt schon etwas länger mit Selbstpositionierungen, Privilegien und allem was dazu gehört. Natürlich habe ich mir in diesem Zusammenhang oft die Frage gestellt, wo ich mich selbst verorte bzw. wie ich von Anderen gelesen werde. Ich bin mir bewusst, dass mir vielfach Privilegien zuteil werden, von denen ich in den meisten Fällen behaupte, ich würde sie gar nicht haben wollen, obwohl mein Alltag dadurch wesentlich einfacher ist. Oftmals nehme ich sie noch nicht mal als Privilegien wahr, weil sie für mich Normalität sind, meine ganz persönliche gesellschaftliche Realität darstellen. Wenn mir dann Personen, denen diese Privilegien nicht zuteil werden, aus ihrem Leben, von ihrem Blickwinkel aus, erzählen, bin ich schockiert. Ich fühle mich dann oft schuldig und würde am liebsten „die Seiten wechseln“, weil das einfacher erscheint, als mich immer wieder selbst zu hinterfragen, und auf jeden Fall weniger schmerzhaft, weil ich mich doch so gerne zu „den Guten“ zählen würde. Auch hier. Und ich weiß, dass ich nicht die einzige bin, der es so geht.

Erst letztens habe ich ein Gedächtnisprotokoll über eine rassistische Ausstellung gelesen, in der die Rede davon war, dass eine Person nicht mehr als weiß wahrgenommen werden wollte, da es sich hierbei ja „nur“ um eine soziale Position handelt.

Lisa sagte sie hätte kein Lust mehr, mit ‘weißen’ typisierten Personen zu reden, daraufhin hat sich eine externe von uns als ‘weiß’ und frauisiert gelesene Person in die Gruppe eingemischt, auf Tobi gezeigt und gesagt, dass er doch auch ‘weiß’ sei. Dieses Verhalten wurde von rs! als grenzüberschreitend wahrgenommen. Tobi erklärte der besagten Person kurz das Konzept von ‘weiß’sein, dass ‘weiß’ keine Hautfarbe sondern eine soziale Position sei.

So weit so gut, aber wird Tobi denn deshalb nicht mehr als weiß gelesen? Dass Hautfarben (genau wie „Rassen“, Ethnizitäten oder was auch immer) nur ein Konstrukt sind, da stimme ich ja vollkommen zu. Ich ziehe nur andere Konsequenzen. Letzten Herbst habe ich mich zum Beispiel furchtbar über den Postgender-Ansatz der Piratenpartei aufgeregt. Dort wurde ebenfalls nach dem Motto verfahren: Jetzt wo wir ja wissen, dass es eigentlich gar keine Geschlechter gibt, müssen wir auch keine Rücksicht mehr auf weibliche Belange nehmen – die gibt es dann ja ebenfalls nicht mehr! Gleichstellungspolitiken, Quoten wurden einfach mal wegkonstruiert. Doch genau das nützt im Endeffekt wieder nur den ohnehin schon Privilegierten, weil es Ungleichheiten verschleiert, ja unsichtbar macht. Es wird von einem Standard ausgegangen, der gesellschaftlich gesehen einfach noch lange, lange nicht verwirklicht ist.

Der Beschluss, ab heute nicht mehr weiblich zu sein, überwindet für mich trotzdem noch nicht die 23% Lohnunterschied. Der Beschluss, nicht mehr männlich zu sein, tut das genauso wenig, scheint aber zu legitimieren, sich nicht mehr weiterhin mit den eigenen Privilegien, der eigenen Macht auseinander setzen zu müssen. Ich würde gerne aufhören, mich als weiß zu sehen, um mir keine Gedanken mehr um meine eigene Stellung in diesem auf Ungleichheiten aufgebauten System zu machen. Doch dann stelle ich mir Fragen wie: werden mir weiterhin weiße Privilegien zuteil? Ja. Habe ich eine Vorstellung davon, wie es ist, von Rassismus betroffen zu sein? Nein. Wie will ich dann aufhören, weiß zu sein? Für mich hat das was von: Privilegien ja, aber Schuldgefühle, nein danke. Es ist ein verdammter Luxus, festlegen zu können was und wer ich bin – und was nicht. Eine Schwarz gelesene Person kann sich auch nicht entscheiden, von heute auf morgen aufzuhören, Schwarz zu sein. Spätestens beim Schritt aus der Haustür heraus, wird sie daran erinnert werden. Die Definitionshoheit darüber, „wer was ist“, ist doch alleine schon ein wahnsinniges Privileg!

Worauf ich hinaus will ist: eine Strukturkategorie verliert noch lange nicht an Wirkungsmacht, nur weil sie konstruiert ist. Ich kann mich in vielen Fällen entscheiden, meine Privilegien nicht auszuspielen. Vor allem in der Interaktion mit weniger Privilegierten. Ich kann an mir arbeiten, mich immer wieder selber reflektieren und mich darum bemühen, so wenig Ismen wie möglich an den Tag zu legen. Aber ich kann mir nie sicher sein, ob ich den Job oder die Wohnung nur bekommen habe, weil die*der andere Bewerber*in Schwarz, orientalisch, körperlich/ geistig beeinträcht oder, oder, oder gelesen worden ist. Auch wenn ich meine Privilegien nicht sehen will, sind sie trotzdem da. Und so lange das so ist, werde ich auch nicht aufhören können, weiß zu sein.

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Bitte einmal Critical Whiteness-Workshops für alle! http://viruletta.blogsport.de/2012/07/04/bitte-einmal-critical-whiteness-workshops-fuer-alle/ http://viruletta.blogsport.de/2012/07/04/bitte-einmal-critical-whiteness-workshops-fuer-alle/#comments Tue, 03 Jul 2012 23:21:33 +0000 viruletta Allgemein http://viruletta.blogsport.de/2012/07/04/bitte-einmal-critical-whiteness-workshops-fuer-alle/ Wenn es um Mario Balotelli geht, dann will dieser Tage niemensch rassistisch sein, aber viele sind es trotzdem. Hierbei spielt es keine Rolle, ob es sich um sogenannte Party-Nationalisten, einfache Fußballfans oder die vermeintlich seriöse Presse handelt – sie alle bedienen sich altbekannter Klischees bei Vergleichen, die von Mal zu Mal flacher und dümmer werden, oder werden nicht müde, das x-te mal zu betonen, das Balotelli „ja nunmal wirklich schwer umgänglich ist“.

Balotelli hat es nicht nur gewagt, die deutsche Nationalmannschaft aus der EM zu kicken und somit das (natürlich harmlose!) deutsche Ehrgefühl zu verletzen, nein, er wagt es sich außerdem, als Schwarzer außergewöhnlich guten Fußball zu spielen und darauf auch noch stolz zu sein. Er wagt es, sich offen gegen Rassismen zu wehren indem er diese zunächst einmal als solche entlarvt und er wagt es, sich nicht unterkriegen zu lassen, sich nicht anzubiedern und für Selbstverständlichkeiten eben nicht dankbar zu sein. Und das alles, obwohl er Schwarz ist.

Rasse, Ethnizität oder welches Konstrukt auch immer in rassistischen Diskursen gerade als „harmlos“ gilt, fungiert als sozialer Platzanweiser, ähnlich der Kategorie Geschlecht. Die Zuordnung besagt: Du bist nicht Teil der Mehrheitsgesellschaft und du hast kein Anrecht auf (in diesem Fall) weiße Privilegien. Weiße Privilegien sind zum Beispiel: erfolgreich zu sein und dazu auch zu stehen, ohne die eigene Leistung abzuwerten, anderen (vorzugsweise weißen) zuzuschreiben oder sich selbst als Ausnahme von der Regel zu präsentieren. Balotelli ist das egal, er missachtet diese ungeschriebenen Gesetze und erfährt dafür auch entsprechende Sanktionen.

Warum herrschte in Italien so viel Widerstand, als bekannt wurde, dass Balotelli in der Nationalmannschaft spielen sollte? Weil dadurch das Bild einer homogenen italienischen Volksnation ins Wanken gebracht wurde. Für einen Großteil der Bevölkerung Europas gibt es nach wie vor keine Schwarzen Europäer*innen, sondern höchstens eingebürgerte Afrikaner*innen, die aber auch noch in der dritten oder vierten Generation als „anders“ und „fremd“ wahrgenommen werden. Balotelli musste lange warten, um auf dem Papier als Italiener anerkannt zu werden – abseits davon ist er es noch lange nicht. Ihm ist es inzwischen möglich, in der italienischen Nationalmannschaft mitzuspielen, jedoch nicht, als „richtiges“ Mitglied – will sagen: „echter“ Italiener – gesehen zu werden.

Einige Tageszeitungen titelten bereits vor der WM entsetzt „Italiens Stürmer Balotelli droht Rassisten mit Mord“ und zitierten ihn mit den Worten:

Für Balotelli ist Rassismus „nicht akzeptabel. Ich kann es schlicht nicht hinnehmen. Wir leben im Jahr 2012, so etwas darf nicht passieren. Aber wenn du ein starker Spieler bist, suchen sie nun mal Wege, um dich zu verärgern. Sie denken, dass Provokation der einzige Weg ist, um dich zu verletzen.“ (…)

„Wenn mich jemand auf der Straße mit einer Banane bewirft, werde ich ins Gefängnis gehen müssen, weil ich denjenigen umbringen werde“, sagte Balotelli dem Fachblatt „France Football“.
Er hoffe zwar, dass es bei der EM (8. Juni bis 1. Juli) keinerlei Probleme mit Rassismus geben werde, ergänzte Balotelli, falls doch werde er allerdings „sofort den Platz verlassen und nach Hause fahren“.

Im Spiel gegen Kroatien wurden seine Befürchtungen dann Realität. Balotelli wurde mit einer Banane beworfen und von Affenlauten begleitet, sobald er am Ball war. Er fuhr jedoch nicht nachhause, sondern spielte weiter – zu einem späteren Zeitpunkt auch gegen Deutschland.

Seine Pflegeeltern hatten immer wieder berichtet, dass Mario schon als Kind rassistische Angriffe ertragen musste. Mit jedem Karriereschritt wurden die Schmähungen schlimmer.

…schreibt die Sueddeutsche und bezeichnet die zwei Balotelli Tore gegen Deutschland an gleicher Stelle als vorläufigen Höhepunkt eben jener Karriere. Sind die Reaktionen also in irgendeiner Weise überraschend? In meinen Augen überhaupt nicht und ich kann mir vorstellen, dass Balotelli das zu dem Zeitpunkt, als eben jenes berüchtigte Bild entstanden ist, ähnlich gesehen hat.

Ebenso schildert es auch ein Autor der taz in einem der wenigen lesbaren Artikel über Balotelli:

Auf den ersten Blick fällt auf, dass die Pose, die Mario Barwuah Balotelli einnimmt, eigentlich nicht „fußballerisch“ ist. Sie entspricht auch nicht dem gewöhnten Drama der Spannung, des Alles-Gebens und dann des erlösten Sau-Rauslassens. Kein Jubel, eher Ingrimm.

Eher ein Vorher als ein Nachher. So, als würde die eigentliche Auseinandersetzung erst noch folgen.

Er hat Recht behalten. Leider.

In der Sozialpsychologie gibt es den Begriff Dissimilation (Unähnlich-werden) für einen Prozess, welcher auf oftmals jahrelang gescheiterte Assimilationsbemühungen (Ähnlich-werden) folgt. Menschen, die in der Gesellschaft, in welcher sie leben, ohnehin immer als fremd gelesen werden, nutzen dies oftmals ab einem gewissen Punkt als Strategie, um mit den Rassismen, die ihnen entgegengebracht werden, klarzukommen und sich selbst zumindest ein Stück weit aus der eigenen Ohnmacht zu befreien. Balotelli wird so oder so als wild/ animalisch/ aggressiv/ unzivilisiert attribuiert und zwar allein aufgrund der Tatsache, dass er Schwarz ist. Indem er sich in einer solchen Pose dorthinstellt, greift er Rassist*innen vor, in gewisserweise karikiert er sogar genau diese Einstellung. Und natürlich springen sie darauf an, geben sich somit selbst der Lächerlichkeit preis, zeigen, wie berechenbar und einfach gestrickt sie sind (Castro Varela schreibt hierzu: „Dem majorisierten Gegenüber wird etwas vorgespielt, was von diesem rasch geglaubt wird, deckt es sich doch nur allzu gut mit den hegemonialen Bildern.“). Um das Vorhandensein dieser Bilder zu beweisen, reicht – und das ist traurig – ein beliebiger Artikel über Balotelli. Immer und immer wieder wird er als aggressiv, faul, dumm, sexualisiert, unreif, animalisch und körperlich überlegen (damit impliziert natürlich sogleich intellektuell unterlegen) dargestellt. Die Welt schreibt gar unverblümt:

Seine Frisur ist eine Kriegserklärung und die körperliche Art, mit der er Verteidiger an den Rand des Wahnsinns quält und die giftige Entschlossenheit, mit der er seine Chancen nutzt, sind Teil eines Willens und Ehrgeizes, der sich nicht für die Kategorien bürgerlichen Anstands und europäischer Manieren interessiert.

..und die tagesschau erlaubt es sich,ein Balotelli-Porträt mit den Worten abzuschließen:

Jetzt sollte Balotelli nur nicht mehr ausrasten – und er sollte mal dringend zum Friseur. Sein inzwischen nicht mehr ganz so blonder Irokesenschnitt sieht irgendwie ziemlich affig aus. Affig – ohne Hintergedanken.

Auch die Vergleiche mit King Kong und Pittiplatsch greifen auf dieselben Bilder zurück. post_gedanken fasst treffend zusammen:

Eine Analogie zwischen einem Schwarzen Menschen und einem Monster oder Tier zu ziehen und ihn* dabei als wild, bedrohlich und unberechenbar zu konstruieren, ist nicht besonders neu. Das ist der Rassendiskurs der Moderne, hier knackig visuell aufbereitet für das Web 2.0. Das Ganze ist allein von der Facebookseite der 11 Freunde und Oliver Pochers 3500 mal geshared worden – und das sind nur zwei Beispiele. Dass die deutsche Elf einfach die schlechtere Mannschaft war, kann selbstverständlich nicht der Grund gewesen sein. Die italienischen “Straßenköter” (O-Ton Beckmann und Scholl in der Halbzeitpause) haben ein Mensch-Monster-Hybrid in ihrer Mannschaft, wie sollen “normale” Fußballer dagegen auch ankommen…

All die Vergleiche, Karikaturen und Artikel dienen in erster Linie dazu, die eigene (nationale, deutsche) Überlegenheit wieder herzustellen. All die Pittiplatsch und weiß der Geier was für Vergleiche sagen das, was die Person, die diese Dinge dann später lustig findet oder gar verbreitet sich nie auszusprechen trauen würde: Du hast „uns“ zwar aus dem Tunier gekickt – aber du bist immer noch Schwarz.

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Deine Privilegien, deine Verantwortung. http://viruletta.blogsport.de/2012/03/26/deine-privilegien-deine-verantwortung/ http://viruletta.blogsport.de/2012/03/26/deine-privilegien-deine-verantwortung/#comments Mon, 26 Mar 2012 21:44:18 +0000 viruletta Privilegien http://viruletta.blogsport.de/2012/03/26/deine-privilegien-deine-verantwortung/ In der letzten Zeit habe ich eine Menge toller Blogbeiträge gelesen, die mir gerade allesamt aus der Seele sprechen und die Gründe für meine aktuelle Politikverdrossenheit wunderbar in Worte fassen. Da wäre zum Beispiel Helga von der Mädchenmannschaft, die davon schreibt, dass sie keine Lust mehr hat, für Selbstverständlichkeiten zu applaudieren; oder Steve, der in einem Gastbeitrag für das goodmenproject erklärt, warum er aus der Position eines Schwarzen nicht mehr über race sprechen wird; außerdem anarchie & lihbe, die keine Lust auf Whiteboys hat, die bei Frauen*/ Feministinnen Zuflucht vor dem bösen Patriarchat suchen; weiter eine Gruppe von People of Color, die via der braune Mob e.V. einen offenen Brief an das Dresden Nazifrei-Bündnis veröffentlicht hat; Nadine von der Mädchenmannschaft, die erklärt, warum nur bestimmte Menschen über sexistische Witze lachen können; und nicht zuletzt Sookee, die in dem tollen Lied „Einige meiner besten Freunde sind Männer“ das Ausleben von männlichen Privilegien innerhalb der sogenannten linken Szene thematisiert. Danke, danke, danke. Ohne Beiträge wie die euren wären viele Tage noch um einiges grauer.

Alle diese Beiträge haben etwas gemeinsam: sie sind aus der Position von gesellschaftlichen Minderheiten geschrieben. Von Personen, die es satt haben, in einer oder sogar mehreren Bewegungen aktiv zu sein, die sich selbst als emanzipatorisch begreifen, aber die eigenen Privilegien und die eigene Sprecher*innenposition viel zu oft nicht mal ansatzweise reflektieren. Ich teile diese Position und auch diese Erfahrungen. Und ich habe es ebenfalls satt – bin müde, abgekämpft und desillusioniert nach Jahren politischer Arbeit innerhalb der sogenannten autonomen Linken. Seit Jahren investiere ich mehr Kraft und Ressourcen innerhalb von Gruppen als in das, was nach außen getragen werden sollte, meine eigentliche Motivation für das jeweilige Engagement dargestellt hat. Ich kann nicht mehr zählen, wie oft ich die immer gleichen Debatten geführt habe und nicht mehr zählen, wie oft ich mit meiner Position (als Frau* in einer zumeist männlich dominierten Gruppe) allein dastand. Ich bin es leid, dass nicht mal explizit feministische Veranstaltungen Freiräume vor Sexismen bieten können, sofern sie nicht als tlf*1 markiert sind. Ich habe keine Lust mehr auf Anspruchshaltungen, die suggerieren, dass ich als Betroffene von Sexismus in der Verantwortung bin, diesen aufzudecken. Und ich kann nur zu gut nachvollziehen, dass PoC genauso wenig Lust darauf haben, ein ums andere mal zu erklären, warum Rassismus kein NPD-internes Problem darstellt. Wir (damit meine ich in diesem Fall als Angehörige einer Minderheit identifizierte Personen) sind keine wandelnden Litfaßsäulen zum Thema beliebiger Unterdrückungsmechanismen und ebenso wenig Ratgeber*innen, die den Privilegiertesten unter uns Schritt-für-Schritt-Pläne zu einem besseren Leben im Falschen servieren werden/ wollen/ können. Eure Privilegien sind eure Probleme – wir sind nur die Leidtragenden, die sie ausbaden müssen. Es ist ein Resultat eurer Privilegien, dass euch die meisten alltäglichen -ismen gar nicht erst bewusst werden. Ihr könnt sie ausblenden – wir nicht. Ich kann mich nicht entscheiden, an einem schlechten Tag vor die Tür zu gehen und den – in meinem Fall – sexistischen Normalzustand einfach mal auszublenden. Ich kann mir keine Auszeit nehmen, keinen „Politik-Freitag“, wie es manche selbsternannte Linke gerne nennen. Genau deshalb kann ich auch nicht über Witze lachen, die meine alltägliche Lebensrealität scheinbar parodieren (und in den meisten Fällen einfach nur abbilden). Aus eben diesem Grund bin ich ein ums andere mal die „Spielverderberin“ – anstatt mich aber als solche abzuqualifizieren, solltet ihr euch vielleicht mal Fragen, wessen Spiel hier überhaupt gespielt wird, wer die Regeln macht und weshalb ich keine Lust mehr habe mitzuspielen.

Die perfide Botschaft hinter Aussagen wie “Du hast den Witz nicht verstanden”2 ist: Ich nehme deine Kritik nicht zur Kenntnis (weil ich’s kann/weil ich nicht muss) und unterstelle dir, dass du eine Perspektive auf den Gegenstand legst, die nicht der objektiven/neutralen/realitätsnahen entspricht. Der Zynismus hinter der Aussage könnte deutlicher nicht sein, denn Betroffene von Sexismus und anderen -Ismen sind in einer Welt sozialisiert worden, die ihnen täglich zu verstehen gibt, dass Unterdrückung Normalität ist und daher Witze darüber oder über bestimmte Gruppen völlig akzeptiert sind. Sie haben gelernt ihre Umwelt immer durch zwei Brillen zu sehen: die eigene und die der Mehrheitsgesellschaft. Sie haben gelernt, dass die “Default-Brille” die der Mehrheitsgesellschaft ist.

(Nadine, Mädchenmannschaft)

Über einen derartigen „Witz“ lachen zu können, zeugt meistens in erster Linie davon, wie wenig diejenige Person selbst von dem vermeintlich parodierten Unterdrückungsverhältnis betroffen ist. Genau diesen Punkt greift auch der beim braunen Mob veröffentlichte Brief auf:

Was fällt euch ein, auf einer Demonstration sexistische Lieder wie “Mambo Number Five” und “Barbie Girl” zu spielen? Mit dieser Anbiederung an den sexistischen und rassistischen Mainstream verharmlost ihr den Grund, weshalb überhaupt demonstriert wird. Eure Demonstration wurde dadurch zur Party, Antirassismus und Antifaschismus zum Film, den sich weiße Deutsche für ein paar Stunden in Dresden ansehen und dann wieder nach Hause fahren können. Und im schlimmsten Fall geben sie sich dafür noch einen Cookie.(…)

Eine Awareness für die Themen (Hetero-)Sexismus und Rassismus in euren Strukturen3 – egal in welchen Teilen des fragmentierten Bündnisses – bleibt dringend nötig! Rassismus bekämpfen bedeutet nämlich in erster Linie bei sich selbst anzufangen, demzufolge sollten sich alle erst einmal mit ihrer Whiteness und den daraus folgenden Privilegien auseinandersetzen und eine solche Auseinandersetzung auch in die Bündnisse tragen.
Wenn ihr tatsächlich wollt, dass es eine antifaschistische Bewegung gibt, dann müsst ihr anfangen nachzudenken was euer eigener Anteil an dem seltsamen Fakt, dass bei diesen Aktionen wenig Frauen und noch viel weniger Women of Color und People* of Color zu treffen sind!
Und für den Fall, dass sich gerade eine Gegenwehr bei euch regt von wegen die kommen ja nicht; das ist nicht die Aufgabe von Menschen mit Rassismuserfahrungen, sondern es ist die Verantwortung weißer (männlicher) Aktivist_innen die eigene Kompliz_innenschaft zu reflektieren und daraus handlungswirksame Konsequenzen zu ziehen.

Hier wird ein in meinen Augen extrem wichtiger und in den meisten Fällen absolut vernachlässigter Punkt angesprochen: warum sitzen in den meisten Politgruppen die selben Mehrheitsangehörigenen, die auch außerhalb der Szene den Ton angeben – und warum wird genau dieser Zustand so gut wie nie thematisiert? Wieso wird politische Arbeit so schnell zu Stellvertreter*innenpolitik und warum ist es den meisten anscheinend gar kein wirkliches Bedürfnis, auch mal mit Betroffenen von Diskriminierungen zu sprechen, anstatt immer nur über sie?

Mischt sich doch mal ein*e Minderheitenangehörige*r in die Gruppe/ unter die Demo, wird sie*er meist zugleich zum Aushängeschild des Anti-(beliebigen Unterdrückungsmechanismus einsetzen) der Gruppe instrumentalisiert und zur*zum Delegierten für das jeweilige Thema bestimmt. Dass die entsprechende Diskriminierung sich in diesen Fällen gleich doppelt manifestiert, die Person nämlich nicht in ihrer Individualität, sondern vordergründig im Bezug auf ihre (zugewiesene) Gruppenzugehörigkeit wahrgenommen wird, wird ausgeblendet/ gar nicht erst wahrgenommen. Genau deshalb hat Steve es auch abgelehnt, für das goodmenproject über seine Rassismuserfahrungen zu schreiben:

Tom, I have never, not once, thought of you as white. I think of you as a father, a husband, a brilliant businessman, a feminist, a Quaker, and most of all as a friend. You have never treated me as whiteness demands that you treat me. I don’t want to talk about race because if I do, I stop being an artist, an educator, a godfather, a gay man, and most of all, human.

So I appreciate the offer, Tom, I really do. I just don’t think I can write about it. I can write about art if you like. I know a lot about that.

Stattdessen macht er einen anderen Lösungsvorschlag:

Black people can’t talk to white people about race anymore. There’s really nothing left to say. There are libraries full of books, interviews, essays, lectures, and symposia. If people want to learn about their own country and its history, it is not incumbent on black people to talk to them about it. It is not our responsibility to educate them about it.

Eigentlich wäre das bereits ein prima Schlusswort. Ich will aber noch auf das von anarchie & lihbe beschriebene Phänomen eingehen – also Mehrheitsangehörige, die plötzlich bemerkt haben, dass sie ja auch von einem beliebigen Ismus betroffen sind und diesen deshalb von nun an ganz furchtbar finden und gemeinsam bekämpfen wollen.

Jetzt kommt ihr, frisch aus der Badewanne des Patriarchats, gecremt und gepudert, und wollt auch endlich mal traurig sein dürfen.

Das ist toll. Alle sollen so viel fühlen, wie sie nur können.
Aber.
Ist euch aufgefallen, dass ihr die einzigen seid, die ihre großen und kleinen Traurigkeiten ungefiltert und unendlich oft in die Feministeria ballern? Wieso seid ihr der Ansicht, einen Raum wie den queer/feministischen Netzkosmos mit euren Whiteboyproblems beschäftigen zu müssen? Habt ihr mal darüber nachgedacht, dass ihr mit euren vielen Tränen Ressourcen fresst, die andere sowieso schon weniger zur Verfügung haben als ihr, weil sie nicht mit dem goldenen Panzer des weißen Dudes gerüstet sind? Wieso paradiert ihr euer Privileg in unsere Gesichter? (…)

Wie ihr diese Widersprüche löst, ist nicht mein Problem. Es ist eure Pflicht, um mal einen eher archaischen Begriff zu benutzen.
Findet Lösungen, die euch und uns erlauben, weichherzige, gefühlvolle Menschen zu sein. Überlegt euch, wie ihr feministische Männer* sein könnt, ohne die Feminist_innen mit eurem Mannsein zu belasten.
Das ist das mindeste, was ihr tun könnt, wenn ihr von mir weiter als feministische Verbündete gesehen werden wollt.

Dem schließe ich mich an und füge ergänzend noch die Kopie einer Liste von Dingen an, die unterprivilegierte Personen privilegierten Personen garantiert nicht schulden:

* “politeness” – not when your views are a direct assault on their humanity – and if you don’t understand why they are, too bad – that’s your issue to figure out
* an explanation for why they are offended
* their time
* the time of day
* open dialogue on the issue – there’s a ton of books for that— or you can go find someone and, instead of having this compelling need to talk about how you feel, simply LISTEN
* preservation of your feelings
* a handshake or a hug
* their bodies, their hair, their clothes, their culture
* their name
* a simple label to define themselves
* information on where they are from or how their family got here
* any personal information at all
* a seat on the bus
* a decent tip
* free use of the slurs which have historically been used against them
* some kind of ridiculous statement in which they speak for everyone else who is also in that group
* they don’t owe you anything, actually

Abschließend möchte ich noch eine paar Konsequenzen mit euch teilen, die ich für mich selbst aus diesen Überlegungen gezogen habe:

- ich werde nicht mehr in Gruppen mitarbeiten, die zu überwiegenden Teilen aus weißen Männern* bestehen oder in denen ausschließlich weiße Männer* die wichtigsten Aufgaben übernehmen.
- ich diskutiere nicht mehr aus einem falschen Pflichtbewusstsein heraus, wenn ich gerade eigentlich nicht die Lust/ Kraft dazu habe oder damit rechne, auf wenig fruchtbaren Boden zu stoßen.
- ich erwarte in Zukunft von Menschen, die sich selbst als emanzipatorisch begreifen, nicht immer wieder bei Null anfangen zu müssen.
- ich fordere eine Mindestmaß an Respekt und Rücksichtnahme (zB im Bezug auf Redeverhalten) als Grundvoraussetzung dafür, mich überhaupt mit Menschen auseinandersetzen.
- ich werde mich weiterhin darum bemühen, eigene Privilegien zu erkennen und abzubauen.
- ich werde nie wieder dankbar dafür sein, dass eine andere Person mich als gleichwertig behandelt und (zumindest für diesen Moment und in meiner Gegenwart) auf das Ausspielen der eigenen Privilegien verzichtet – und eben jenes selbstverständlich auch niemals von anderen erwarten.
- ich werde solidarisch (im Bezug auf Unterprivilegierte) und gleichzeitig unbequem (im Bezug auf Privilegierte) bleiben.

  1. Trans-Lesben-Frauen* – siehe zB hier: http://www.ladyfest-muelheim.de/info-tlf-raume/ [zurück]
  2. Kann beliebig ergänzt werden durch Äußerungen wie: „Übertreib mal nicht!“, „So war das doch gar nicht gemeint“ oder, was ich besonders schön finde: „Willst du eigentlich überall Sexismen sehen?“ – Anmerkung von mir. [zurück]
  3. und der linken Szene allgemein – Anmerkung von mir. [zurück]
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